Biosphärenreservat Mont Ventoux

Portrait: Biosphärenreservat Mont Ventoux, Frankreich

Der Mont Ventoux ist nicht hoch, aber gewaltig. Seine karge Erscheinung, seine Mythen und Geschichten faszinieren. Ob Wanderer oder Radfahrer, ob das Peloton der Tour de France oder der Erstbesteiger und Philosoph Francesco Petrarca – alle erliegen der normwidrigen Gestalt dieses kahlen Sporns. Seine 1909 Meter wollen nicht zur Vorstellung von einem martialischen Gipfel passen. Ebenso wie Petrarca nicht dem Bild eines Kletterkönigs entspricht. Der Philosoph brach vor 700 Jahren ein Tabu und erklomm einfach aus Neugierde, aus Freude an der Bewegung den höchsten Berg der Provence.

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Gigant der Provence

Der Mont Ventoux ist nicht hoch, aber gewaltig. Seine karge Erscheinung, seine Mythen und Geschichten faszinieren. Ob Wanderer oder Radfahrer, ob das Peloton der Tour de France oder der Erstbesteiger und Philosoph Francesco Petrarca – alle erliegen der normwidrigen Gestalt dieses kahlen Sporns. Seine 1909 Meter wollen nicht zur Vorstellung von einem martialischen Gipfel passen. Ebenso wie Petrarca nicht dem Bild eines Kletterkönigs entspricht. Der Philosoph brach vor 700 Jahren ein Tabu und erklomm einfach aus Neugierde, aus Freude an der Bewegung den höchsten Berg der Provence.

 

Stelle dir vor, du kannst dich befreien aus der Flut von Reizen unserer hektischen Zeit und sorgfältig, ja ruhig zum Horizont schauen. So wie es dem Menschen eigentlich gegeben ist. Aus Blickrichtung des Stuttgarter Unterlands würde dich alsbald die blaue Kette von Bergen im Süden faszinieren – die Schwäbische Alb.

Fotos & Text von Marco Heinz

Ein wunderbares urmenschliches Gefühl rufen diese erhabenen Landschaften hervor: Neugierde, Entdeckerlust. Sobald dich deine Schritte wirklich hinauf führen, wirst du belohnt mit Blicken weit hinein ins Häusermeer. Deine Gedanken werden hier so frei sein, wie der Flug eines Milan hoch über den steinigen Feldern der Alb.

Noch anderes aber erblickt der Wanderer von exponierter Stelle aus: die fernen Zinnen der Alpen. Schon erwacht erneut die Entdeckerlust. Hat der Neugierige dann auch die Freude erfahren, durch Europas mächtigstes Gebirge zu streifen, fällt ihm vielleicht noch etwas ein, wohin er die Schritte einmal lenken könnte. Es gibt einen Berg, der geographisch noch zu den Alpen zählt, aber einem verlorenen Sohne gleich weit westwärts von ihnen steht. Der Mont Ventoux in Frankreich. Er ragt fast 2000 Meter in den Himmel, direkt aus den Obst- und Kräuterteppichen der Provence entwachsen – ein grandioses Spiel der Natur.

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Gewerbegürtel bei Avignon: Profan – aber da schon lockt die blaue Bergesferne des Mont Ventoux im Hintergrund, analog zum Blick von den Fildern und dem Echterdinger Flughafen auf die Blaue Mauer der Schwäbischen Alb.

Wer belesen ist, stöbert auch gern in Büchern. Und da steht es geschrieben: Im Angesicht des Ventoux empfand schon vor 700 Jahren einer genau das, was heute die Schwaben beim Anblick der Alb erfüllt – Neugierde und Entdeckerlust. Der 1304 in Arezzo bei Florenz geborene Philosoph und Dichter Francesco Petrarca wuchs auf im Schatten des Mont Ventoux in den Gassen und Vororten von Avignon. Wozu ihn das verführte, als er 32 Jahre alt war, beschreibt der Literat mit folgenden Worten: „Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht zu unrecht „Ventosus“, den Windigen, nennt, habe ich heute bestiegen, allein vom Drang beseelt, den außergewöhnlich hohen Ort zu sehen.“

Wenn wir heute auf die Alb steigen, finden wir viele Gleichgesinnte und jeder wird uns verstehen. Im Jahre 1336 war dies anders. Petrarcas Worte bargen Zündstoff. Noch war das Mittelalter nicht vorbei, die Natur galt den geistlichen und weltlichen Führern als Material ohne inneren Wert, auch der einfache Mensch zählte kaum. Sein Platz war das tiefe Tal, er hatte zu buckeln und zu schuften, eigenes Denken war verboten. Da kam dieser Petrarca und stieg auf einen Berg. Er tat es nicht, um strategischen Blick über ein Kriegsgebiet zu erlangen – nicht, um Rohstoffe zu finden, was damals die einzigen von den Obrigkeiten vorstellbaren Gründe dafür gewesen sein könnten. Er stieg aus eigenem Antrieb, weil ihn interessierte, wie schön es da oben ist. Er brach ein Tabu.

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Mont Ventoux, auch geschälter Berg genannt.

Wagt es der Wanderer wirklich Petrarcas Weg nachzuvollziehen, merkt er, was auch der Mensch des Mittelalters schon leistete. Petrarca ging mit seinem Bruder und Dienern an einem Tag von Avignon bis Malaucène am Fuße des Berges. Das sind harte 50 Kilometer. Aber das Gefühl im herrlich duftenden Land der Provence zu wandern, ist trotz der Andersartigkeit der Umgebung ein aus der Heimat vertrautes: Immer wieder ist da eine blaue Bergesferne, die dich lockt, so wie sonst die Alb. Jetzt ist es der Ventoux, wenngleich er natürlich viel mächtigere Dimensionen besitzt. Einen Tag lang steht dir seine pyramidenförmige Silhouette vor Augen. Am nächs­ten Morgen im Anstieg von Malaucène ist sie aber verschwunden, versteckt von vorgeschobenen Felsnasen und dem dichten Wald. Die wenig befahrene Bergstraße, die der Wanderer mit Radsportlern und Bergjoggern teilt, führt zielsicher hinauf. Wie aber in aller Welt fand Petrarca in der Wildnis des Mittelalters nach oben? Der Dichter schreibt, ein uralter Hirte habe den Weg gewiesen, aber auch gewarnt: Man bringe nur zerrissene Kleider und geschundene Haut da herunter.

Der tiefe Wald am Ventoux verbindet die Fauna und Flora des Mittelmeerraumes mit jener des Nordens, ein seltener Mix. Deshalb ist sein Massiv – hier finden wir die Parallele zur Alb – anerkanntes UNESCO Biosphärenreservat schon seit 1990.

Du steigst scheinbar Ewigkeiten durch den Wald und denkst: „Mein Gott, jetzt kommt noch die Mondlandschaft.“ Der schaurige Gedanke ist den TV-Übertragungen von den bislang 15 Tour de France-Etappen am Mont Ventoux geschuldet. Du siehst vor dem geistigen Auge die Fahrer, die sich über 21 Kilometer mehr als 1600 Höhenmeter durch eine schattenlose Steinwelt quälen. Du erinnerst dich an den englischen Radprofi Tom Simpson, der 1967 eineinhalb Kilometer vor dem Gipfel erschöpft zusammenbrach und verstarb. Die Tour aber kommt immer von Bédoin im Süden zum Ventoux. An der Nordrampe von Malaucène weicht der schattenspendende Wald erst nach 18 Kilometern Anstieg ab einer Höhe von 1700 zurück. Nun endlich wird der Blick auf die Antenne des Observatoriums und die Wetterstation am 1909 Meter hohen Gipfel frei. Die restlichen drei Kilometer führen in Serpentinen tatsächlich über den kahlen Schotterhaufen, den Radlern als gefürchteter Kalkberg bekannt. Dennoch wachsen hier vereinzelt dürre Büsche und Pinien.

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Observatorium auf dem Mont Ventoux

Der 1909 Meter hohe Gipfel vereinigt alle Horizonte. Des Menschen Flügel – seine Beine – haben ihn über die Wolken getragen. Das Himmelsblau taucht in der Unschärfe ab in die Gischt des Mittelmeers. Im Gegenblick sind die wilden Zinnen der Alpen klar zu sehen. Und die Alpen aus anderer Richtung erblicktest du einst von der heimatlichen Alb. Weht auf der Alb oft der kühle Nordwind, erfasst dich am Ventoux fast immer als Gruß des Meeres der Mistral, der in dieser Höhe ein gar herber Bursche ist.

Petrarca aber erwischte am 26. April 1336 einen Föhn. Dieser Tag übrigens gilt bei den Alpinisten als Geburtsstunde des Bergsteigens. Petrarca sah die Alpen bis Italien hinüber, die Küste um Marseilles und die Lagunen bei Montpellier. Für einige Zeit fühlte er sich „einem Betäubten gleich“, ob dieser Schönheit. Doch dann bekam er Angst vor der eigenen Courage. Das Erleben auf dem Berg empfand er als äußersten Sinnengenuss und ein solcher – seine mittelalterlichen Lehrer bläuten es ihm ein – war des Teufels.

Und doch: Er stellte es in die Welt, was er erlebt hatte. In einem Brief an seinen Freund Francesco Diogini, Professor an der Pariser Sorbonne, schrieb er im schönsten Latein, wie intensiv er diesen Aufstieg empfand, wie sehr der Blick vom Berg ihn faszinierte. Jener Brief zählt noch heute zu den Monumenten großer Literatur. Petrarcas Gipfelgang am Ventoux wird zu den Wurzeln eines beginnenden Zeitalters gezählt, das Kraft und Kunst des Menschen wieder adelte – die Renaissance.

Heute wissen wir, genussvoll Bergwandern ist keineswegs Teufelszeug. Vielmehr lernen wir daraus, dass es Grund zur Dankbarkeit gibt, in solch einer grandiosen Welt zu leben. Wir gewinnen Sensibilität, in dieser Welt gut miteinander umzugehen und sehen, dass es wichtig ist, die Schöpfung zu erhalten. Hier liefern die Biosphärenreservate sowohl auf der Alb als auch am Mont Ventoux einen wertvollen Beitrag. Beide Gebirge sind einmalige Naturschönheiten und hätte ein Schicksal Petrarca in die Gegend um Stuttgart statt nach Avignon verschlagen – er wäre auch auf die Alb gestiegen.

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Prüfstein: Schon 15-mal stellte der gefürchtete Koloss Mont Ventoux die Tour de France-Radsportler auf eine harte Probe.

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Übersichtskarte

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Höhenrausch: Biosphärenreservat Mont Ventoux

UNESCO Biosphärenreservat Mont Ventoux: Der Gipfel liegt 1909 Meter über dem Meeresspiegel zwischen den Alpen im Norden und dem Mittelmeermassiv. Dieser Berg präsentiert ein abwechslungsreiches Mosaik an Mikroklimata und Lebensräumen von mediterran bis hochalpin. Kein Wunder, dass hier etwa sechzig seltene Pflanzenarten gedeihen. Vorherrschend sind Buchen, Eichen, Eiben, Kiefern und Wacholder. Sogar Trüffel gibt´s hier reichlich. Die floristische Vielfalt lockt Dutzende von Brutvögeln an wie die Heidelerche. Raubvögel umkreisen den Gipfel wie der Habicht, südlich des Mont Ventoux an der Nesque-Schlucht hausen Steinadler und Geier. Sie jagen gern Reptilien wie die heimische Vipernatter.

Im Juli 1990 adelte die UNESCO den Mont Ventoux zum Biosphärenreservat. Über 45000 Menschen leben hier auf rund 900 Quadratkilometern. Etwa 600000 Menschen jährlich besuchen den Gipfel, den Petrarca als erster vor 700 Jahren bestieg.

Wie die Schwäbische Alb besteht der Berg überwiegend aus Kalkstein. Entsprechend wenig Bäche entwässern die Hanglagen. Der Niederschlag verschwindet in Klüften und Spalten.

Mehr noch als die UNESCO machte wohl die Tour de France den Mont Ventoux berühmt und berüchtigt: Am 13. Juli 1967 brach der englische Radprofi Tom Simpson eineinhalb Kilometer vor dem Gipfel erschöpft zusammen und starb. Es stellte sich heraus, dass Simpson eine hohe Dosis von Amphetaminen und wohl auch Alkohol zu sich genommen hatte. Ein Gedenkstein erinnert an das Drama.

Insgesamt gibt es drei Passauffahrten. Die schwerste von Bédoin hinauf überwindet auf 21 Kilometern über 1600 Höhenmeter. Die leichteste ab Sault im Osten schlängelt sich 26 Kilometer rund 1150 Meter hinauf.

UNESCO-Biosphärenreservat Mont Ventoux (www.smaemv.fr): Höhe: 1909 m; Tallage ab 200 m; Fläche: 34 Gemeinden, 900 km2 (Vergleich Biosphäre Schwäbische Alb: Fläche: 853 km2)


 

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Printausgabe: Sphäre 1/2016, Seite 32-35

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