Naturpark: Hohes Venn

Naturparkportrait: Hohes Venn – Europas gewaltigstes Hochmoor erhebt sich in den Himmel über Belgien

Europas größtes Hochmoor taugt als Kulisse für feiste Gruselfilme. Allerdings nur bei Nacht und Nebel scheint die bis zu acht Meter dicke, wabbelige Torfschicht des Hohen Venns verirrte Reisende magisch anzuziehen. Allein die Bewohner der Unterkunft „Baraque Michel“ retteten im 19. Jahrhundert 120 Personen. Sie läuteten seinerzeit allabendlich eine Glocke, um verirrten Menschen im Nebel den Weg zu weisen.

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Schaurige Schönheit

Europas größtes Hochmoor taugt als Kulisse für feiste Gruselfilme. Allerdings nur bei Nacht und Nebel scheint die bis zu acht Meter dicke, wabbelige Torfschicht des Hohen Venns verirrte Reisende magisch anzuziehen. Allein die Bewohner der Unterkunft „Baraque Michel“ retteten im 19. Jahrhundert 120 Personen. Sie läuteten seinerzeit allabendlich eine Glocke, um verirrten Menschen im Nebel den Weg zu weisen.

 

Vor knapp 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg mit der vernichtenden Niederlage des deutschen Kaiserreiches. Während der Kaiser wie seine führenden Militärs sich vor ihrer Verantwortung drückten, war es der bedauernswerte Zentrumspolitker Matthias Erzberger aus Buttenhausen auf der Alb, der in schwärzester Stunde seinen Kopf hinhielt. Er unterschrieb die Kapitulation und erklärte dem Volk, dass es keine Alternative dazu gab, die harten Friedensbedingungen der Sieger anzunehmen. Teil jener Bedingungen, bekannt als „Diktat von Versailles“, war die Abtrennung von 13 Prozent der deutschen Reichsgebiete, unter anderem auch die 1036 Quadratkilometer große Gegend um Eupen und Malmedy südlich von Aachen. 1920 hatten die Sieger die Region nach einer fragwürdigen Volksentscheidung Belgien zugeschlagen. Von nun bestand das Königreich aus drei Sprachgruppen: Flamen, Walonen und 76000 Deutsche (unter 1 Prozent Stand 2016).

Fotos & Text Marco Heinz, Sphäre-Verlag

Noch viele Jahrzehnte später konnte manch ein Schüler, der über einer Geschichtsklausur schwitzte, Punkte sammeln, indem er die nach dem Kriege abgetrennten Gebiete aufzählte. Eines klang so exotisch und interessant, dass es die junge Phantasie anregte: Eupen-Malmedy. Heute ist Europa frei. Verkehr ohne Grenzen und gemeinsame Währung überlassen es ganz der Vorstellungskraft des Reisenden, welche Euroregionen er erkunden will. Warum nicht Eupen und Malmedy? Zwischen den beiden Städten spannt sich, geschützt vom internationalen Naturpark Eifel – Hohes Venn, eine Landschaft von einmaliger Schönheit.

Weitblick – über 1400 Hektar Fichtenbestände fielen, damit natürlicher Mischwald nachwächst.

Weitblick – über 1400 Hektar Fichtenbestände fielen, damit natürlicher Mischwald nachwächst.

Eupen, die einst durch ihre Tuchfabriken zu Wohlstand gekommene Kleinstadt liegt tief im Tal der Weser, so dass der Reisende von den Jugenstil- und Rokokofassaden zunächst nur die Dächer sieht. Hinter den Kirchtürmen von Eupen aber erspäht er schon das ganz und gar eigene Landschaftsbild. Es scheint, als habe zwischen Eifel und Ardennen irgend ein Zeus im Götterkampf seinen Schild verloren, der etwa dreißig Kilometer breit und fast 500 Meter hoch war. Am Rande dieses Schildes wächst heute ein Mischwald, der das Attribut „Tiefe“ wahrlich noch verdient – der Hertogenwald. Wer dort eintaucht, glaubt sich fast verloren. Der Einstieg zum „Götterschild“ gestaltet sich ruppig steil, bald aber gehen Wege und Straßen fast nur geradeaus, steigen nicht mehr steil, aber stetig. Zudem fordert der fast stets vorhandene Wind seinen Schweiß.

So bezahlt der Wanderer einen ehrlichen Preis für eine Erkenntnis, die doch logisch schien: Alles hat ein Ende auch dieser scheinbar ewige Wald. Droben ist der „Götterschild“ beinahe kahl, man fühlt sich ausgesetzter als auf manchem Alpenpass. Da oben liegt das Hohe Venn (flämisch Moor), die größte Hochmoorlandschaft Europas.

Leuchtturm – Fischbachkapelle als Notretter.

Leuchtturm – Fischbachkapelle als Notretter.

Eindringlich klein wirken die Gasthäuser in dieser Weite. Ein im nahen Dorf Jalhay ansässiger Rheinländer namens Michel Schmitz soll im Jahre 1811 beinahe im Moor umgekommen sein, und seine Hütte (Baraque Michel) an jener Stelle erbaut haben, wo er der Verzweiflung am nächsten war. Schmitz und seine Nachfahren wurden in Zukunft noch zu Rettungsengeln manches im Moor Verirrten, auch des Kaufmannes Henry de Rodchéne aus Malmedy. Dieser ließ aus Dankbarkeit 1830 auf der Fischbachkapelle neben der Baraque ein Leuchtfeuer errichten, das 26 Jahre lang jeden Abend verspäteten Reisenden im Venn heimleuchtete. Zudem erscholl bei Nebel oder Schneesturm das Notglöcklein an der Kapelle. Heute ist die Baraque längst ein Hotel. Ein Stück südlicher liegt das Restaurant „Mont Rigi“, dessen Gebäude auch eine Forschungsstation der Universität Lüttich unterhält, welche die einmalige Natur des Venn erforscht. Trotz aller Ernsthaftigkeit der Landschaft, bietet der dritte Einkehrort auch Grund zum Schmunzeln. Der Turm „Signal de Botrange“ wacht auf dem höchsten Berge Belgiens, der eigentlich nur die Kuppe des „Götterschildes“ darstellt. 1920 wollte der neue Gouverneur Baltia die auf 694 Meter gelegene Erhebung mit Bruchsteinen um sechs Meter erhöhen. Doch erst seit jüngerer Zeit dürfen die Belgier  in albtypischen 700 Meter Meereshöhe verweilen. Sie bauten eine ins Nichts führende Treppe.

Selbstverständlich aber lädt das Hohe Venn zum Verweilen, zum Wandern und Nachdenken ein. Es ist trotz des ökologischen Wertes seiner beeindruckenden Natur allein durch den Eingriff des Menschen in heutiger Form gewachsen. Noch im Mittelalter hätte der tiefe Wald am „Götterschild“ eben nicht aufgehört. Damals schimmerten die Moore noch heimtückisch zwischen den Bäumen. Die Menschen fürchteten das Venn, gleichsam nutzten sie das Land zum Überleben. Sie waren bettelarm, wussten nichts von Nachhaltigkeit und ahnten nicht, dass sie quasi die Kuh töteten, die sie nährte. Brandrodung, Torfstich und Kahlschlag waren ihre Methode, das Land urbar zu machen. Später gelang es den Preußen, denen das Land nach den „Karlsbader Beschlüssen“ 1815 zugeschlagen wurden, tatsächlich auch den Wäldern so etwas wie soldatische Disziplin aufzuerlegen. In Reih und Glied stand nun die Fichte, die am schnellsten wuchs und die höchs­ten Holzpreise erzielte. Die Fichte aber wurzelt nicht tief, weshalb sie im Sturm als erste fällt. Gleichsam trocknet sie die Moorböden aus, zerstört das sensible biologische System der Urwälder. Heute stehen wieder gesunde Mischwälder um das Venn, in denen auch die ökonomisch weiter wichtige Fichte noch Platz hat.

Gipfel – dank Treppe ist´s ein 700-Meter-Berg.

Gipfel – dank Treppe ist´s ein 700-Meter-Berg.

Schon seit 1960 besteht der Naturpark , der heute drei Länder umfasst. Die tiefgreifenste Veränderung aber brachte das gesamteuropäische „Life“- Projekt von 2007 bis 2012. Hier zeigte sich, dass Abholzungen durchaus der Natur helfen können. Über 1400 Hektar Fichtenbestände fielen droben am „Götterschild“. So entstand die grandiose Kahlheit dieser Moorhochfläche, die aber nicht für ewig bleibt. Die nun sich selbst überlassene Natur wird gesunde Laubwälder bilden.

Moorbewohner – Grasfrosch und Erdkröte sind häufig.

Moorbewohner – Grasfrosch und Erdkröte sind häufig.

Noch aber schweift das Auge herrlich weit über das leuchtgrüne Pfeifengras, über Tümpel, die wie Erdaugen in den Himmel schauen. Libellen umschwirren Wollgrasbüschel, über Glockenheiden, Heidegestrüpp hinweg. Wer Glück hat, beobachtet den spiralförmigen Flug des Baumpiepers. Das scheue Birkhuhn, Wappenvogel des Naturparks, gibt sich nur selten die Ehre. Erst weit am Horizont verliert sich das Auge in den grandiosen Wäldern von Eifel und Ardennen.

Das Wandern an jenem sensiblen Ort ist streng reglementiert, meist führt der Weg über Holzstege, unter den Füßen gluckert das Moor. Wenn markierte Wege einmal über den Boden verlaufen, meint der Wanderer Federn unter den Schuhen zu haben. Er sieht, wie die bis zu acht Meter tiefen Torfschichten unter den Tritten des Vordermannes wanken. Im Hohen Venn gibt sich das Klima – wie auf unserer Alb – stets einen Kittel kälter. Im Gegensatz zum Schwabengebirge, das der Schwarzwald und die Alpen wie Schutzwälle vor den Meerwinden schützt, ragt der Schild des Hohen Venn in die Sturmbahnen des etwa 200 Kilometer entfernten Ärmelkanals hinein. Noch eine Gemeinsamkeit besitzt das schwammartige Venn mit der karstig-trockenen Alb: Die Gebirge sind keine auf den ersten Blick spektakulären, auf den zweiten Blick aber umso eindringlichere Naturschönheiten, liebevoll bis ins Detail vom Schöpfer gestaltet. Wer sie einmal sah, wird sie niemals vergessen.

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Übersichtskarte

Naturpark Hohes Venn

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Naturpark Hohes Venn: 50.520139, 6.065569

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Naturschutz europäisch ohne Grenzen gedacht

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Naturpark Hohes Venn: Aller Schönheit der Landschaft zum Trotz: Rund um das Hohe Venn entdeckt der Reisende auch, was man nie vergessen sollte: die Soldatenfriedhöfe. Gerade in der Zeit des „Brexit“ und der europakritischen Diskussionen, des Aufblühens rechtsradikaler Parteien erschüttert dies wieder besonders. Hat man schon vergessen, dass Europa die Antwort auf solches Massenmorden ist? Gerade der „Wilde Osten Belgiens“, wie sich die Gegend heute nennt, lag immer im Brennpunkt. Die Forts um das nahe Lüttich waren Schlüsselstellen für den Verlauf beider Weltkriege. Der Überraschungsangriff der deutschen Wehrmacht 1941 Richtung Westen lief ausgerechnet durch die waldreichen Ardennen, gleichsam die letzte Offensive im Winter 1944, die nochmals solch grausigen Blutzoll forderte. Die Alliierten marschierten hier auf Aachen (16 Kilometer von Eupen), das sie als erste deutsche Großstadt eroberten. Heute ist das Land wunderbar bunt. Die Leute in Eupen sprechen „Eifeler Platt“, das dem Rheinländischen sehr ähnlich, vielleicht etwas nasaler klingt. Sie mischen einzelne französische Vokabeln darunter, was sehr angenehm und auch etwas lustig wirkt. Kassiererinnen müssen oft von Kunde zu Kunde die Sprache wechseln. Jugendliche beginnen ab und an Sätze auf Deutsch, beenden sie auf Französisch. Die Menschen in den Grenzregionen wären die ersten, aber keineswegs die letzten, die litten, wenn Europa zerfiele. So viele Probleme machen nicht an Grenzen halt, auch nicht die Sorgen um den Erhalt unserer Schöpfung. Zwei Länder pflegen gemeinsam den rund 270000 Hektar großen deutsch-belgischen „Naturpark Hohes Venn – Eifel“. Mit 4100 Hektar Fläche liegen im Hohen Venn die größten Naturschutzgebiete Belgiens.

Naturpark Hohes Venn: 4100 Hektar. Vergleich: Biosphärengebiet Schwäbische Alb 85300 Hektar, Nationalpark Schwarzwald 10062 Hektar, Ehemaliger Truppenübungsplatz Münsingen 3700 Hektar.

 

Vorposten – Eupens Türme spähen ins Moorlands.

Vorposten – Eupens Türme spähen ins Moorlands.

 

WEBcode #16335

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Printausgabe: Sphäre 3/2016, Seite 32-35

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