Ortsportrait Seeburg – die Schatzinsel

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Seeburg

Selbstbewusst trotzen die Seeburger dem Wertewandel der Moderne. Sie lieben diesen Flecken Erde wie nie zuvor, hegen Geschichte und pflegen Tradition.

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Robinson Crusoe war einsam, aber unglaublich reich. Daniel Defoes Romanheld lebte und kämpfte sich als schiffbrüchiger Insulaner durch eine selten wilde Natur, abgeschnitten von den geordneten aber auch trögen Bahnen der Zivilisation.

Auch Seeburg ist reich. Wie Crusoes Eiland wird die 300 Seelengemeinde umspült von Wasser. Fischburgtal, Trailfinger Schlucht, in der die Erms aus dem Karstgestein emporquillt. Und dann noch das Seetal, das sich von der Wasserscheide Rhein-Donau bei Münsingen nach Seeburg windet. Die Urgewalt dieser Albgewässer haben sich in den letzten fünf Millionen Jahren tief in die Alb bis auf die 595 Meter gelegene Talsohle des Örtchens Seeburgs gegraben.

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Doch anders als eine Insel, die auf Riffen oder Vulkanspitzen aus der salzigen Unendlichkeit der Meere emporragt, duckt sich die Schatzinsel Seeburg tief zwischen den steilen Hangflanken von insgesamt vier Talausläufern. Weitläufig wie ein Spinnennetz verankert sich der Ort in allen Himmelsrichtungen an der Alb. Seeburg liegt im Zentrum des feinen Gewebes aus Wasser und Landschaftsfurchen. Doch so idyllisch die Insulaner diesen Rahmen aus wilden Hangschlucht­bu­chen und kargen Wacholderheiden empfinden, sie fühlen sich auch gefangen, wie eine Fliege im Talspinnennetz oder um es mit Defoes Romanfigur zu vergleichen: Wie Robinson auf der Insel.

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„Schon seit wir denken können, ist unser Dorf eingeschlossen und eingeschränkt“, sensibilisiert Ortschaftsrat Werner Beck für den wohl wenig beachteten Überlebenskampf dieser Schatzinsel der Alb. Der 51-jährige Immobilienmakler mit Sitz in Seeburg blieb dennoch seinem Geburtsort treu. Naturschutzgebiete, Wasserschutzgebiete und jetzt auch noch der dichteste Wall an Kernzonen, wie es ihn in der gesamten Biosphäre kaum ein zweites Mal gibt, nimmt den Insulanern die Luft zum Atmen. „Nur damit kein falscher Eindruck entsteht“, wirft die Ortsvorsteherin Uthe Scheckel dazwischen: „Wir sind stolz auf die Biosphäre, der gesamte Ort weiß, welchen Schatz und Verantwortung die Alb uns Seeburgern in die Wiege gelegt hat. Alleine unsere Ermsquelle sichert die Notwasserversorgung der südlichen Biosphäre.“ Doch bestätigt sie: Auch eine Schatzinsel habe enge Grenzen – das schon um 770 nach Christus erwähnte Albdorf kann und darf seinem Nachwuchs bislang kaum Perspektiven bieten. „Bauland haben wir keines, Schule nicht, Laden nicht, unsere Alterspyramide hier steht Kopf“, erläutert Scheckel das Strukturproblem.

Wie Crusoe empfindet sie Distanz zur großen weiten Welt. Ob das an der versteckten Insellage liegt? Deshalb hoffen die Seeburger nun, dass die Biosphären-Verantwortlichen diese Schatzinsel nicht nur schemenhaft wahrnehmen, wie durch ein Flirren der Hitze über dem großen Biosphären-Meer.

Doch die Seeburger haben rudern gelernt. Dank einer aktiven Gemeindepolitik haben sie viel gestemmt. „Die Produktion unseres 312 Seiten starkes Heimatbuches hat zusammenge­schweißt“, erinnert sich Ortsvorsteherin Scheckel. Die Leiterin der Astrid-Lindgren-Schule in Münsingen und gebürtige Seeburgerin blickt gern auf die letzten Jahre politischen Engagements zurück: „Wir haben unsere Geschichte und die touristischen Highlights dokumentiert, wir haben Ziele formuliert und haben geschlossen demonstriert.“ Damit meint sie den großen Aufschrei im Jahre 1998, als gewaltige Seilschaften aus Stahl von einem 60 Meter hohen Mast am Uhenfels über Seeburg hinweg auf die gegenüberliegende Talseite gespannt werden sollten. Die 110-KV-Stromleitung hat nicht nur Seeburg, sondern auch die Bewohner auf der hohen Alb gekippt.“ Dies war dann auch die Motivation, die Dorfentwicklung anzupacken. Zum Beispiel den feststehenden Zaun für die Ziegenbeweidung der stolzen Wacholderweide am Südhang Seeburgs. Und sogar einen gestalterisch auf hohem Niveau geplanten Ortsmittelpunkt hat Scheckel in der Schublade. „Jetzt hoffen wir, dass im Zuge der Biosphäre und unserer exponierten Lage das Füllhorn der Unterstützungen nicht mehr an uns vorübergeht“, formuliert die engagierte Kommunalpolitikerin ihren Herzenswunsch.

Während sie das so beim Sphäre-Gespräch in ihrem aus Tuffstein gemauerten Rathaus erzählt, blickt sie hoffnungsvoll suchend Richtung Osten. Wie Robinson bei der Ausschau nach Schiffen am Horizont wandert ihr Fokus vor die Tore Seeburgs, dort wo der ehemalige Truppenübungsplatz beginnt. Ein Jahrhundert brandete Geschützlärm auf das Albdörfchen wie das aufgewühlte Meer an eine Steilküste. In Becks Haus krachten 1976 gar zehn Bleimantelgeschosse in den Dachstuhl – hier hatten die Soldaten ihr Übungsziel weit verfehlt. Nun sind die Truppen weg, aber bis heute hat niemand eine goldene Brücke zur Schatzinsel gebaut. „Dabei wäre es so einfach“, formulieren die beiden Kommunalpolitiker. Und führen aus: „Eine Traumroute direkt von Seeburg über den Uhenfels hinauf nach Gruorn, dem verlassenen Albdorf auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz, das wäre die Lösung.“ Dann fügen beide hinzu: „Der kritische Wegabschnitt über den an dieser Stelle gesperrten Truppenübungsplatz hinüber zum Publikumsmagneten Gruorn sei doch gerade mal 1800 Meter lang.“

So wenig wie viereinhalb Runden auf der Tartanbahn rund um einen Sportplatz und doch zu viel. Denn mehrere 100000 Euro koste die Sanierung dieses munitionsbelasteten Abschnitts, um absolut und 100-prozentig zu entschärfen, beschreibt der Hausherr des Platzes, Dr. Dietmar Götze, die explosive Lage. „Ungeachtet der naturschutzfachlichen Betrachtungen und der EU-Vorgaben aus den Natura-2000-Richtlinien“, skizziert er seinen engen Handlungsspielraum. Doch Götze und seine Bundesanstalt für Immobilienaufgaben als neuer Nachbar der Seeburger, hat die Wünsche registriert, versicherte er im Gespräch mit Sphäre. Denn, so hat der Platzherr mittlerweile lernen müssen: „Gefordert wird schnell und viel, wenn die Adresse nicht die eigene ist.“ Mit Augenzwinkern verweist er darauf, dass noch nicht einmal der verwilderte und daher nicht mehr begehbare Wanderweg von Seeburg als Anbindung zum begehrten Brucktal – auch auf dem Truppenübungsplatz – gerichtet worden sei. Götze und sein Försterteam hingegen haben ihre Schotterpisten in dieser urigen Schlucht auch für die Seeburger schon vor einem Jahr auf Vordermann gebracht.

Ganz gleich nun, wie und wer die Brücke nach Seeburg schlägt: Das Magazin Sphäre skizziert schon jetzt für die Robinsons der Alb eine Inselwanderung (siehe Kasten). Zwar nicht nach Gruorn aber hinauf zu einem Weitblick über die imposantesten Landschaftskulissen hinweg und über die Schatzinsel hinaus in den Dunst der Häusermeere jenseits der Alb.


Wandertipp: Seeburg – Uhenfels – Trailfinger Schlucht

 Am Hofgut Uhenfels empfängt den Wanderer eine Landschaftskulisse, wie sie nur wenige Flecken der Biosphäre zu bieten hat. Vom Parkplatz in Seeburg aus windet sich die Route über ein Asphaltsträßchen an der nördlichen Felswand hinauf. Nach der schattigen Hangkante öffnet sich das Gelände zu einer sanft geschwungenen Weide hin. Die Kühe und Pferde des historischen Hofguts grasen – dieses Märchenland, tiefgrün, erinnert ein wenig an die Hochalmen des Allgäus im Westen­taschenformat. Idyllisch thront das Hofgut am Ende des serpentinengeschwungenen Sträßchens. Strohballen, eine mächtige Kastanie, darunter ein Brunnen aus Sandstein – hier steht die Zeit still. Nur das brummen des Diesels eines Traktors reißt den Besucher aus seinen Träumen. Stolz zeigt Torsten Sommer, Verwalter des Hofguts die verträumte Kapelle. Um 1900 herum hatten die Menschen hier oben, einsam 100 Meter über Seeburg, diese heiligen Mauern zum Backhaus und Wasch­raum umfunktioniert. Das historische Inventar hinter der knarrenden Eingangstür ist noch erhalten. Der Hof lädt Ausflügler mit seinen beiden frisch renovierten Ferienwohnungen zum Urlaub ein oder zu einer Rast (Tel. 0162/271 4226). Die SPHÄRE-Wanderroute führt weiter bergan vorbei an knorrigen Streuobstbeständen bis zu einer Ruhebank, die mit einem der prächtigs­ten Panorama-Blicke belohnt. Wie aus einer anderen Welt. Zurück wandern wir über die weithin bekannte Trailfinger Schlucht, dunkel, eng flankiert von feuchten Felsen. Am Talausgang drückt die Schwerkraft das Wasser aus dem Karstboden – die Ermstalquelle nimmt hier ihren Ursprung.

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Sphäre-Wissen: Seeburg, ohne Burg und See

Bodenlosen See nannten die Bewohner dieses Alb-Dörfchens ihr natürliches Wasserreservoir, das hinter ihren Häusern das Fischburgtal anfüllte. Eine durch Kalktuffablagerungen empor gewachsene natürliche Staumauer verriegelte den Abfluss des Fischbachs. Um 1600 ließ Baumeister Heinrich Schickhardt einen Ablaufstollen graben. Zweck: Man wollte die Fische ernten wie Pflücker die Erdbeeren. Der Ertrag war spärlich, weswegen ab dem Jahre 1800 das Wasser permanent durch den 450 Meter langen Stollen abgelassen wurde.

So wie heute der Schickhardt-Stollen an alte namensgebende Tage erinnert, deutet das Ehrendenkmal (Foto) grob den Standort der ehemaligen Festung auf dem Burgberg an.


 

SPHÄRE-Diashow:
Visueller Rundgang entlang der Wandertour.

Seeburg, Stadtteil von Bad Urach

  

  

 


SPHÄRE-Diashow:
Hofgut Uhenfels

  

  

  

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Printausgabe: Sphäre 3/2008, Seite 16-18

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