40 Jahre Bioland

Bioland ist ein Lebensgefühl

Bioland wird 40. Was kaum einer weiß: Die Wiege der Offensive für mehr Gesundheit und heimischen Geschmack liegt am Fuße der Schwäbischen Alb, im Biosphärengebiet – genauer in Pfullingen Honau. Diese als Gegenbewegung zur Industriealisierung der Landwirtschaft in den Aufbruchsjahren nach dem 2. Weltkrieg initiierte Engagement ist heute „mitten in der Gesellschaft angekommen“, zieht Christian Eichert, Geschäftsführer Bioland Baden-Württemberg, sein positives Fazit. So gehören heute beispielsweise stolze 5,7 Prozent der Ackerflächen im Landkreis Reutlingen dem ökologischen Landwirtschaft, berichtete Landrat Thomas Reumann, der bei der Bioland-Gebutstagsfeier in Ödenwaldstetten auf dem Biolandhof und Käserei Rauscher diese Entwicklung begrüßte. Ziel könnte sein:  Gerade in Zeiten von Lebensmittelskandalen verzeichnen Bioland-Produkte eine verstärkte Nachfra ge. Zwar seien diese Produkte rund 15 Prozent teurer als vergleichbare Standardware. Jedoch, so zeigen Untersuchungen, leben Bioland-Konsumenten unterm Strich billiger. Wie das denn? Ganz einfach. Wer sich gesund ernährt, isst weniger Fleisch, mehr Gemüse und garantiert nie doppelt zu viel. Das spart Geld und strapazieren keineswegs unser kollabierendes Gesundheitssystem. „Bioland“ – sei ein Lebensgefühl, dass den Konsumenten mit einer grundsätzliche positiven Sicht der Welt belohnt.

Ganz wichtig sei auch der soziale Aspekt. Bioland-Wirte beschäftigen rund 20 Prozent mehr Personal auf ihren Höfen als Bauern, die agrarindustriell wirtschaften.

In Honau bei Pfullingen, hat im April 1971 alles angefangen: Zwölf engagierte Frauen und Männer gründeten den Vorläufer von Bioland, den „bio gemüse e.V.“ Heute ist Bioland mit bundesweit über 5500 Bio-Bauern – über 1100 davon in Baden-Württemberg – der größte Öko-Anbauverband in Deutschland. Das ist ein guter Grund zum Feiern. Daher hatte die Bioland-Gruppe Reutlinger Alb am 26. Juni 2011 ein buntes Programm vorbereitet: Ein bunter Bauermarkt mit Bioprodukten verkostete die zahlreichen Besucher, bei Führungen konnten sich Jung und Alt über Alb-Büffel, Alb-Linsen informieren oder bei einer von Alb-Guides organisierten E-Bike-Tour den sommerlich heißen Albwind um die Nase wehen lassen. Insgesamt 15 Bioland-Betriebe servierten allerlei Bio-Spezialitäten von Apfelmost über Grillwürste bis hin zum Ziegenkäse. Natürlich war auch für Familien mit Kindern einiges geboten: eine Strohhüpfburg, ein Spielmobil und Bienenschautafeln luden ein zum Toben und Mitmachen.

Der in Sumatra als Sohn eines Teepflanzers geborene Helmut Gundert hatte am Nachmittag aus seiner soeben erschienenen Biografie vorlesen. Der ehemalige Bioland-Landesgeschäftsführer war zeitlebens ein Pionier und widerständiger Kämpfer für eine gerechte Welt und beschreibt sehr anschaulich, was Ökolandbau bei uns mit weltweiter Ernährungssicherheit zu tun hat.

Interview: Christian Eichert, Geschäftsführer Bioland Baden-Württemberg.

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Sphäre-Wissen

Bioland versteht sich seit seiner Gründung als Wertegemeinschaft engagierter Menschen mit der Vision einer nachhaltigen Wirtschaftsweise zum Wohle der Biosphäre und kommender Generationen. „Der Biolandbau ist die Landwirtschaft der Zukunft. Bioland stellt sich den gesellschaftlichen Herausforderungen im Klimaschutz, Boden- und Wasserschutz, Tierschutz und dem Erhalt der Artenvielfalt“, bekräftigt Christian Eichert, Geschäftsführer von Bioland Baden-Württemberg.

Etappen der Bioland-Geschichte

  • vor 1951 Maria und Dr. Hans Müller entwickeln in Zusammenarbeit mit Dr. Hans Peter Rusch die organisch-biologische Anbaumethode.
  • ab 1951 Es entwickeln sich Kontakte der späteren Gründerfamilien Scharpf, Colsman, Sippel, Rinklin, Wenz, Müller, Teschemacher, Hoops zu Dr. Müller bei Tagungen und Besuchen auf dem Möschberg (Schweiz).
  • 1971 Nach einem Vortrag von Dr. Rusch gründen zwölf Frauen und Männer den „bio gemüse e.V.“ in Honau bei Reutlingen.
  • 1972 Erste Veröffentlichung des Öko-Rundbriefes „bio-gemüse“.
  • 1974 „Dr. Müller bio gemüse“ wird als Warenzeichen der „Fördergemeinschaft organisch-biologischer Landbau e.V.“, Heiningen, eingetragen. Die Fördergemeinschaft umfasst: 91 Mitglieder, davon 48 Erzeuger mit 873 ha
  • 1978 „Bioland“ wird als Warenzeichen eingetragen.
  • 1979 Der Vorstand beschließt, zukünftig „Bioland“ als Vereinsnamen zu nutzen und verabschiedet gemeinsam mit den Gruppenvertretern die Erzeugerrichtlinien.
  • 1982 Gründung des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen
  • 1986 Gründung der Landesverbände Bayern, Rheinland-Pfalz/Saarland, Hessen und Niedersachsen
  • 1987 Mit der neuen Satzung gibt es den „Bioland Verband für organisch-biologischen Landbau e.V.“ Gründung des Landesverbandes Schleswig-Holstein/ Hamburg
  • 1988 Bioland gründet mit fünf weiteren Ökoverbänden die „Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau“, in Bonn.
  • 1991 Tritt die EG-Öko-Verordnung für pflanzliche Lebensmittel in Kraft. Die EU-Verordnung Ökologischer Landbau schützt gesetzlich die „Bio-Produktion“.
  • 1992 Gründung des Landesverbandes Brandenburg.
  • 1993 Auf Bundesebene werden die Ressorts „Landbau“, „Verarbeitung und Warenzeichen“, „Verwaltung, Finanzen und Recht“ und „Öffentlichkeitsarbeit“ eingerichtet.
  • 1998 Gründung der Bioland Verlags GmbH, die seitdem neben der Fachzeitschrift „bioland“ zahlreiche Fachbücher und Infoblätter veröffentlicht.  Gründung der Bio Service GmbH, die die Marketingaktivitäten des Verbands koordiniert. Der Landesverband Hessen erweitert sich zum Landesverband Hessen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.
  • 2000 Auch der tierischen Bereich wird in der EG-Öko-Verordnung geregelt.
  • 2001 Bioland tritt aus der AGÖL aus und setzt sich für eine direkte Zusammenarbeit der Ökoverbände ein.
  • 2002 Bioland wird durch die IFOAM akkreditiert.  Gründung der ersten Bioland-Regionalgruppe in Sachsen. Bioland gründet mit 11 weiteren Partnern den „Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft“ (BÖLW).
  • 2006 Gründung des Regionalbüros Mecklenburg-Vorpommern.

Entwicklung Biolandbetriebe in Baden-Württemberg

Jahr 01.01.2010 01.01.2011
Bioland-Betriebe BaWü
Vertragsbetriebe (Erzeuger) 1118 1163
Anstieg zum Vorjahr (in %) 6,07 4,03
Vertragsfläche in ha 44.370 46.491
Anstieg zum Vorjahr (in %) 2,27 4,78
Verarbeiter (Vertragspartner) 296 308
Anstieg zum Vorjahr (in %) 2,78 4,05

Bioland-Verkaufsstellen in Ihrer Region

Aufstellungen aller Bioland-Betriebe (sortiert nach Bereichen wie Betriebe mit Hofläden, Winzer etc.) jeweils nach PLZ sortiert:  www.bioland-bw.de/verbraucher/adressen.html

40-JAHRE BIOLAND: www.bioland-bw.de/landesverband/40-jahre-bioland.html

Bio ist Wirtschaftsfaktor

Landwirtschaftsminister Alexander Bonde: „Bio ist Wirtschaftsfaktor: Wer die Marktchance ergreifen möchte, wird vom Land dabei unterstützt-„

Regionalmarkt (Artiekel: Nur vom Bauer)

„67 Prozent der Bürgerinnen und Bürger in Baden-Württemberg kaufen regelmäßig Produkte aus ökologischem Anbau, 80 Prozent würden gerne mehr Bioprodukte aus der Region kaufen wollen. Die Nachfrage steigt aber stärker als das regionale Angebot. Damit bietet sich vielen landwirtschaftlichen Betrieb in Baden-Württemberg eine große Marktchance. Wer diese ergreifen möchte, den unterstützt das Land. Das ist ein Angebot an alle Bäuerinnen und Bauern, die ihre Chance im Ökolandbau sehen“, sagte der Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Alexander Bonde, am Mittwoch (13. Juli 2011) in Stuttgart. Gerade für kleine und mittelgroße Betriebe biete die Qualitätsproduktion im Biobereich erhebliches wirtschaftliches Potential. Der ökologische Landbau erbringe zudem auch gesellschaftliche Leistungen, insbesondere im Umwelt-, Ressourcen- und Klimaschutz, und biete transparente Produktionsprozesse. Mit seinen 10,7 Millionen Einwohnern sei Baden-Württemberg bislang eine der Importregionen für Ökoprodukte in Europa. Die baden-württembergischen Verbraucherinnen und Verbraucher sollten in Zukunft mehr hochwertige Qualitätsprodukte aus heimischer Erzeugung erwerben können.

In Anbetracht des kontinuierlichen, aber zögerlichen Wachstums im Ökobereich in den vergangenen Jahren habe die frühere Landesregierung nicht genug getan, um die vorhandenen Potentiale sowohl auf der Erzeuger- als auch auf der Marktseite zu erschließen. „Gerade Ökobetriebe brauchen in der schwierigen Umstellungsphase Verlässlichkeit und Kontinuität in der Förderung. Der Zickzack-Kurs der früheren Landesregierung hat die Landwirte verunsichert und sich negativ ausgewirkt“, so Bonde. Die grün-rote Landesregierung werde die von der alten Landesregierung gestoppten Fördermittel für die Umstellung der Betriebe von konventionellem auf ökologischen Landbau wieder zur Verfügung stellen und korrigiere damit deren Fehleinschätzung. „Bio ist heute ganz klar ein Wirtschaftsfaktor. Baden-Württemberg kann es sich nicht leisten, den Bäuerinnen und Bauern diese Chance auf Weiterentwicklung ihrer Betriebe vorzuenthalten“, betonte Bonde. „Wenn jede zweite Bio-Möhre aus dem Ausland importiert werden muss, um die Nachfrage zu decken, dann läuft etwas falsch.“

Handels- und Vermarktungsstrukturen unterstützen

Das Land unterstütze darüber hinaus die Vermarktung von Biolebensmitteln aus der Region durch das Biozeichen Baden Württemberg. „Bio und regional passen gut zusammen, weil beide Aspekte für das Vertrauen der Verbraucher wichtig sind“, so Bonde. Eine zentrale Frage sei, wie die Ware vom Erzeuger in den Handel komme und wie Regionalität in bestehende Absatzstrukturen integriert werden könne. „Wir wollen die Vermarktung und den Zugang zum Handel verbessern“, sagte Bonde. In diesen Themen sei das Ministerium bereits mit den Verbänden im Gespräch. Dies alles seien wichtige Bausteine, um den Ökolandbau zu unterstützen.

Ökonomie und Ökologie in der Landwirtschaft besser zusammenbringen

„Die großen Herausforderungen an die Landwirtschaft der Zukunft liegen nicht in der Frage bio versus konventionell. Es ist Ziel der Landesregierung, alle landwirtschaftlichen Betriebe bei der nachhaltigen und umweltgerechten Bewirtschaftung zu unterstützen. Der Ökolandbau ist dabei eine Produktionsrichtung, in der sich Ökonomie und Ökologie besonders gut ergänzen. Unabhängig davon bin ich davon überzeugt, dass wir Ökonomie und Ökologie in der gesamten Landwirtschaft noch besser zusammenbringen, wenn wir es schaffen, den Verbrauchern mehr Qualität und mehr Regionalität zu bieten“, unterstrich der Minister.

Sphäre-Wissen:

Regionalmarkt (Artiekel: Nur vom Bauer)

– Die ökologisch bewirtschaftete Fläche ist in dieser Zeit von 73.000 Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche (LF) auf 107.000 Hektar angestiegen, bei einer Anbaufläche von 1,4 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche insgesamt. Damit werden 7,5 Prozent der LF ökologisch bewirtschaftet. In Österreich hingegen wurden im Jahr 2009 bereits knapp 20 Prozent der Fläche ökologisch bewirtschaftet.

– Der Umsatz mit ökologisch erzeugten Lebensmitteln hat in Deutschland kontinuierlich zugenommen, er ist von 2000 bis 2010 um das Dreifache gestiegen. Der Ökomarkt ist somit einer der wenigen Wachstumssegmente im deutschen Lebensmittelmarkt. In 2010 hat sich vor allem der Absatz von Milch, Gemüse, Kartoffeln und Obst positiv entwickelt.

– Entsprechend ist auch der Import von Bioprodukten ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen: In den vergangenen Jahren hat sich dieser fast verdoppelt.

– Die wichtigste Produktkategorie im Ökomarkt sind Obst und Gemüse. Nachfrage besteht in Deutschland v.a. nach Bio-Möhren – die Hälfte des gekauften Bio-Gemüses sind Möhren. Fast jede zweite Bio-Möhre wird importiert. Zusammen mit Kartoffeln und Eiern sind Möhren die Bio-Leitartikel der Discounter.

– Baden-Württemberg führt als einziges Bundesland ein spezielles Untersuchungsprogramm für Lebensmittel aus ökologischem Landbau durch, das „Öko-Monitoring“. Auch für den Jahresbericht 2009, der vor kurzem vorgestellt wurde, gilt: Bio überzeugt. Zwei Drittel der Proben waren vollständig rückstandsfrei, bei Obst und Gemüse wurden 100 mal geringere Pflanzenschutzmittel-Rückstände als in konventioneller Ware festgestellt. 97 Prozent der untersuchten Stichproben bei Obst und Gemüse tragen das Biosiegel zurecht, das heißt: Wo Öko drauf steht, ist auch Öko drin.

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Printausgabe: Sphäre 2/2011, Seite 31

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