Totenstille

Liebe Leser, der Artikel in der letzten Printausgabe von Sphäre hat zu emotionalen Reaktionen und Rückmeldungen per Telefon und Mail angeregt. Deshalb Sie sind Sie an dieser Stelle herzlich eingeladen zu einer niveauvollen Diskussion (Kommentare möglich am Ende des Artikels).

Auf dem alten Truppenübungsplatz schwelgt ein Zielkonflikt. Die Gewichtung der wirtschaftlichen Nutzung im Verhältnis zur aktuellen touristische Ausrichtung wirft Fragen auf. Dieser Sphäre-Artikel will ein Blitzlicht werfen auf eine kritische Stimmungslage, die es Wert ist, darüber nachzudenken.

Kleinod, Oase der Stille – wer an das alte Truppengelände denkt, bei dem läuft ein Film vor dem geistigen Auge ab. Ein Heimatstreifen aus vergangenen Zeiten. Der Bühnenbildner hatte auf typische Zivilisationsmerkmale verzichtet. Weit reicht der Blick über die sanft kargen Hügel des Münsinger Hardts. Keine Häuser, keine Stromleitungen – dieses urige Gelände haben weder Bürokraten, noch Planungsbüros feinsäuberlich zerteilt in die gewohnt schubladengerechten Planquadrate. Einzig die Schafe und die wilde Unordnung der über 100-jährigen Herrschaft des Militärs gestalteten dieses herbe Magerrasenland. Auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz sagen sich Fuchs und Hase Gute Nacht. Doch eines hatte der Drehbuchautor nicht bedacht: Manchmal gibt es für diese Wildtiere selbst hier keinen Platz und auch nicht immer einen nächsten Morgen.

Wo Autos verkehren, ist der Tod nicht weit, das musste dieser kleine rotbraune Räuber (Foto) erfahren. Die Automobilität auf diesem schönen Naturschauplatz, der einst ein Kriegsübungsplatz war, gehört zum touristischen Profil. Obwohl der Platz im Herzen des UNESCO Biosphärenreservates liegt, verbuchen Tourismusverantwortliche die 10000 Busmitfahrer jährlich als höchsten Erfolg. Als Mittelpunkt der automobilen Wirtschaftsachsen gar feiern ganz eifrige Lobbyisten der Fahrzeugindustrie dieses Kleinod an unberührter Albnatur. Denn: Kraftfahrzeugfirmen testen ihre Fahrzeuge auf der alten Panzerringstraße, die das 6700 Hektar üppige Tier- und Naturschauspiel einkesselt wie ein Wassergraben eine Burg. Und es werden immer mehr. Jüngst, Ende September diesen Jahres, bejubelte der Erms­talbote „die LKW-Welt in Münsingen“. Diese Homage an die Kraftfahrzeugindustrie beziffert: „9000 Menschen durften den Daimler-Laster Actros fahren, 250 Fachjournalisten aus aller Welt.“ Wie passt das zusammen?

„Gar nicht“, werden Stimmen laut. In der Vergangenheit hatten sich die Verantwortlichen für das Biosphärengebiet und die Kommunalpolitiker mit diesem Zielkonflikt arrangiert. Denn: Zu Beginn der privatwirtschaftlichen Ringstraßennutzung im Jahre 2005 sah man auf dem Dach der Alb nur vereinzelt wenige Kranfahrzeuge von Liebherr aus Ehingen oder Skipistenraupen des Laupheimer Fahrzeugbauers Pistenbully. Sie waren schon seit jeher gern gesehene Gäste des Militärs und genossen quasi Gewohnheitsrecht. Zudem sind diese Betriebe wichtige Arbeitgeber der Region. Biosphärengebiet heißt übersetzt „Lebensraum.“

Dazu gehört Wohnen, Freizeit, Natur, aber auch Arbeit – alles Ziele, die es zu vereinen gilt. So will es die UNESCO. Auch das Sphäre-Magazin brach in einem Bericht über die Ringstraße (Ausgabe 1/2006) eine Lanze für diese sanfte Symbiose. Doch die Marschrichtung dieser Allianz, so stellte sich schnell heraus, war alleine vom Wirtschaftsinteresse diktiert. Die alten Generäle verdienten mit dem Testbetrieb nicht ihr Geld. Der neue Platzherr aber wohl. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben wird nicht alleine am Dienst für den Biosphärengedanken gemessen, sondern schlicht am Profit ihrer Liegenschaft. Und der ist mit dem Vermarktungserfolg der verpachteten Ringstraße eng verknüpft. So touren also jährlich immer mehr Testwagen hinauf auf die Alb auf diese exklusiv gesperrte Straße in der Abgeschiedenheit der Biosphären-Natur.

Noch 2005 hofften visionäre Tourismusprofis, engagierte Älbler und Sportvereine, dass dieses Kleinod an autofreiem, 36 Kilometer perfekt asphaltiertem Erholungsglück rund um den Platz sozialisiert würde. Gefühlte Ansprüche wurden formuliert: Der Staat ist Besitzer, der Staat? Das sind doch wir? Und so sahen sich die zahlreichen Radclubs rund um das alte Militärgelände schon entspannt mit ihren Nachwuchssportlern vom Autoverkehr unbehelligt radeln. Allerdings roch es nur für kurze Zeit nach Sportlerschweiß, nach mehr Bewusstsein und modellhaften Handlungszielen – schnell machte sich Dieselgeruch breit. Mehr noch, der neue Besitzer machte die Anwohner mit den Regeln zum Thema „Eigentum verpflichtet“ auf seine Weise bekannt. Empfindlich hohe Bußgelder für „Schwarzfahrer“ waren die Folge und ein Ende der Diskussion um diesen asphaltierten, autofreien Erholungstraum.

Die Ringstraße blieb und bleibt Stand heute für Erholungssuchende geschlossen. Nicht einmal eine Freizeitnutzung an betriebsfreien Sonntagen zogen Verantwortliche in Erwägung. Doch selbst heute noch schütteln wichtige Biosphärenfunktionäre verwundert den Kopf und werben im Verborgenen für einen echten Kompromiss zwischen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Nutzung. Denn: Eigentum und besonders Bundeseigentum verpflichtet.

Für Radfahrer auf der Ringstraße gibt´s saftige Strafen – Bußgelder für Busfahrer aber nicht. Denn sie dürfen auf Wanderwegen des Platzes per Ausnahmegenehmigung fahren. Teilweise holen sie gar hupend den Naturgenießer aus seinen Tagträumen – zurück in die grenzenlose automobile Realität. Darüber laut nachzudenken, gehört zur Biosphärenpflicht. Es darf nicht sein, dass große Verbotstafeln im Ringstraßenbereich strikt regeln, wo der Wanderer steht und geht. Der Testverkehr aber genießt freie Fahrt. Immerhin, nach langen fünf Jahren, bremsen jetzt Tempo-50-Schilder die Autokolosse im Begegnungsbereich mit Fußgängern auf Stadtgeschwindigkeit herab. Doch diese Schilderwald-Politik offenbart schonungslos die Prioritäten.

Dabei hat dieses Großschutzgebiet mehr verdient, als Kaffeefahrten-Image und LKW-Mekka – ein wohl austariertes Gleichgewicht von Natur, Tourismus und Wirtschaft. Denn sonst läuft vielleicht auch bei den Gästen ganz weit in der Ferne ein anderer Film ab, als der Heimatstreifen aus vergangenen Zeiten.

Printausgabe: Sphäre 3/2011, Seite 16-17

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Interview: Dr. Markus Rösler, Landtagsmitglied

November 2011: Sphäre befragte den Politischen Sprecher der Grünen, Dr. Markus Rösler, über die künftige Ausrichtung und Nutzung des Truppenübungsplatzes. Das vollständige Interview hören Sie als Podcast unten.

Dr. Markus Rösler: Einer der Väter des Biosphärenreservates Schwäbische Alb

Sphäre: Ist die aktuellen rein wirtschaftliche Nutzung der traumhaften, 36 Kilometer langen Ringstraße ein Zielkonflikt?

Dr. Rösler: Ganz ohne Frage, Naturschutz bedeutet immer auch Stille genießen, also ist jede Lärmbelastung ein Zielkonflikt, Die Frage ist, wie wäge ich es ab. Das Rahmenkonzept muss bis 2012 vorliegen, so fordert es die UNESCO. Da ist die Nutzung der Ringstraße und auch die Frequenz der Bustouren über den Platz auf Wanderwegen ein wichtiges Thema, dass es zu untersuchen gilt. Das Ergebnis muss sein, die verschiedenen Interessen abgewogen unter einen Hut zu bringen.

Sphäre: Wie stehen Sie zur Beteiligung der Bevölkerung bei diesen wichtigen Fragen?

Dr. Rösler: … Fortsetzung im Podcast

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Kommentar

Sanfter Tourismus oder spätrömische Dekadenz? In großartigen Naturräumen der Republik bleibt das Auto selbstverständlich draußen und hat schon gar nichts auf Wanderwegen verloren. Die neue Regierung im Ländle verspricht zu hören. Also, zieht die Wanderschuhe an und hört, wie der Mensch über das Thema Ringstraße denkt. Einzig die Truppenübungsplatz-Guides hätten mit ihrer Begeisterung für Naturschutz und Authentizität lautstark argumentieren können. Doch hörte man wenig. Denn sie verdienen mit diesen Bustouren als Guide eben auch ein gutes Geld. Gewerbetreibende brechen hin und wieder die netzwerkübergreifende Schweigepflicht und ärgern sich über das Gentlemen´s Agreement. So hatte der Gewerbe- und Tourismusverein „Pro Münsingen“ von je her beklagt, dass von den Busgesellschaften kaum einer im Städtle hängen bleibe. Wie Heuschrecken kommen sie und sind gleich wieder weg – ab zur nächsten Wolldecken-Verkaufsaktion? Halt, stimmt nicht ganz. Erst kürzlich stieg eine Busgesellschaft an der Schutzhütte am historischen Maschinenhaus aus. Jeder mit einer Bierflasche in der Hand. Ich dachte, ich steh´ im Wald, oder doch auf einer Raststätte an einer Autobahn?

Doch welch ein Glück, im Winter wird der Schnee noch nicht mit Streusalz für Busse geräumt, dann scheint die Welt wieder in Ordnung und es sagen sich wieder Fuchs und Hase Guten Tag.

Felix Fuchs (Herausgeber)

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Sphäre-Wissen: Besucherzahlen und Bustouren 2008

Busfahrten auf dem Truppenübungsplatz

Keine autofreie Zone: Zahlreiche Besucher konsumieren den ehemaligen Truppenübungsplatz hinter der Windschutzscheibe eines Omnibusses.

23. 1. 2009: Lange Wege, viel Asphalt – dies hat sich schnell herumgesprochen. Die Folge: 54 Prozent der Besucher radeln über den Platz, 46 Prozent wandern. Dies nahmen die Konzeptioner zum Anlass, kleine Wanderrouten in Parkplatznähe Trailfingen, Zainingen, Feldstetten und Heroldstatt auszuarbeiten. Das Platzinnere soll nach dem Motto „Leise auf Rädern“ erschlossen werden. Inliner und Radler wissen schon heute die Ruhe und Weitläufigkeit des Truppenübungsplatzes zu schätzen.

Allerdings schätzt auch die motorisierte Fraktion zunehmend den Truppenübungsplatz. Von den stolzen 21.500 Besuchern, die die Trüp-Guides in 787 Touren über den Platz geleiteten, bewegte sich die Mehrzahl via Omnibus durch die schöne unberührte Natur des alten Truppenübungsplatzes – Tendenz steigend. Im Jahre 2007 transportierten 39 Prozent der Touren die Besucher per Bus über den Platz, 2008 gar schon 50 Prozent.

Obwohl diese forcierte Motorisierung sehr ungewöhnlich ist für ein Naturpark-ähnliches Gebiet, sieht das Konzept und die Lenkung keine Beschränkung dieser Fahrten vor. Pferdekutschen hingegen sind derzeit nicht erlaubt.

Wegekonzept ehem. Truppenübungsplatz: Vollständiger Artikel >>


2 Kommentare von "Totenstille"

  1. Jochen Schuster, Stadtrat Münsingen's Gravatar Jochen Schuster, Stadtrat Münsingen
    18. November 2011 - 08:34 | Permalink

    In meinen Händen halte ich die aktuelle Ausgabe Ihrer Zeitschrift „Sphäre“ und bin dabei auf den Artikel „Totenstille“ gestoßen. In diesem Zusammenhang habe ich selten einen Artikel gelesen, der derart realitätsfern ist.

    Zunächst beklagen Sie, dass, wie die Automobilnutzung der ehemaligen Panzerstraße beweise, das Wirtschaftsinteresse dominiere. Gleichzeitig
    sickert in Ihrem Artikel durch, dass Arbeitsplätze zu einem Lebensraum gehören. Fakt ist: ohne Unternehmen – keine Arbeit. Willkommen in der „grenzenlosen automobilen Realität“! Dass mit der Automobilnutzung negative Aspekte einhergehen, ist unbestritten. Zur grenzenlosen automobilen Realität gehört die Abhängigkeit von ebendieser – ohne PKW keine Bewohner des Lebensraumes Schwäbsiche Alb, die sich wie ich trotz dem Studium in Stuttgart für die Heimat auf dem Land entschieden haben.
    Ohne LKW keine Güterverteilung. Gewiss kann man einen gewissen Bedarf über regionale Produkte decken. Doch Mineralwasser, Laptops oder Möbel werden auf der Alb nicht oder nur in geringem Umfang produziert. Die Automobil-Branche benötigt Möglichkeiten zur Erprobung und Präsentation ihrer Produkte – die Ringstraße ist dabei das beste, was Industrie, Umlandgemeinden und Natur passieren konnte. Wo immer Versuchsstrecken geplant sind, regt sich Protest aus der Naturschutz-Ecke: damals in Boxberg, zuletzt im Schönbuch. Die Panzerstraße ist bereits da (und schon vor 2006 genutzt!). Die Teststrecke schafft Arbeit in der Region (man bedenke nur die Verpflegung der vielen Gäste) und spart überdies lange Wege der Daimler AG (die auch im Ausland testen könnte).
    Auch der Naturschutz muss anerkennen, dass die Automobil-Industrie ein tragender bestandteil unserer Gesellschaft ist und nicht überall behindert werden kann. Allein durch Fahrrad-Zubehör für die umliegenden Radvereine lässt sich eine Volkswirtschaft jedenfalls nicht aufrechterhalten. Dass auf der Teststrecke dabei ggf. Wildtiere zum Opfer fallen, ist die logische (traurige) Konsequenz, doch dies ist kein Alleinstellungsmerkmal der Test-Automobilnutzung, denn auch außerhalb des ehemaligen Übungsplatzes hat der Straßenverkehr den tausendfachen Tod der Tiere zur Folge.

    Ein paar weitere Bemerkungen zu Ihrem Artikel:
    – Bußgelder für „Schwarzfahrer“ gibt es nicht erst seit Schließung des Truppenübungsplatzes. Dabei bin ich jedoch der Meinung, dass innerhalb des Geländes viel mehr Wege für die Wanderer und Radfahrer zu öffnen sind. Das Argument der Gefahrenabwehr erschließt sich nicht aufgrund der Nutzung dieser Wege durch Forst und Landwirtschaft.
    – Der Begriff „Sozailisierung“, den Sie im Zusammenhang mit der post-militärischen Nutzung der Panzerstraße verwenden, rückt in eine gefährliche Nähe zum Begriff der Verstaatlichung. Im Übrigen aber zielt er an der Sache vorbei. Das Gelände und die Straße war und ist im Besitz der Bundesrepublik Deutschland. Darauf einen Anspruch auf deren Nutzung
    für jedermann herzuleiten, ist nicht sachgemäß.
    – „Kaffeefahrten-Image“: ich habe großes Verständnis für Naturliebhaber und ehemalige Soldaten, die das Gelände besichtigen wollen. Viele derer, die heute auf den Platz kommen, sind in einem fortgeschrittenen Alter und nicht mehr gut zu Fuß. Diese Menschen sollen also ausgeschlossen werden?

    Ich selbst bin sehr glücklich darüber, dass für das ehemalige Militärgelände eine – wie ich finde – gute Symbiose aus Natur, Industrie und Tourismus gefunden wurde. In einem demokratischen Gemeinwesen wird es niemals Ergebnisse geben, die alle Gruppen vollständig zufriedenstellt. Das gefundene Modell ist meines Erachtens der beste gemeinsame Nenner, der alle Seiten bedient.

    Eine differenzierte Sichtweise auf die Automobilnutzung auf der Panzerstraße wäre dringend angebracht und sicher einen Artikel in Ihrer nächsten Ausgabe wert!

    Schlussendlich noch zwei Fragen an Sie: was wollen Sie mit Ihrem Artikel ausdrücken? Wie sieht Ihr Wunsch-Konzept der post-militärischen Nutzung des Münsinger Hardts aus?

    Mit den besten Grüßen aus Münsingen,Jochen Schuster, Stadtrat

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