Sind Kühe glücklich auf der Alb?

Architektur & Landwirtschaft

Warum weiden hier die Kühe nicht im Freien, aber im Allgäu? Wie haben die Tiere früher ihr Dasein gefristet, wie leben sie heute? Geben moderne Stallungen biosphärengerechten Bewegungsspielraum? Sphäre klärt auf.

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Nummer 72204 ist zufrieden. 72204 steht am Futtertrog und frisst gemächlich ohne Eile eine gute Morgenportion Raufutter in sich rein. Sie braucht sich auch nicht zu beeilen. Futter ist immer vorhanden dort am Trog an der Futterdurchfahrt, und auch Platz genug, sich dort einzureihen.

Zeichnung & Text von Christoph Lindemann

Dort wo 72204 zu Hause ist, haben die Kühe noch Namen. Alma vielleicht oder Frieda. Das ist nicht überall mehr so, weil dort, wo die Herden größer sind, gibt es meist nur noch die Nummern für die Tiere. Weil der Wechsel im Kuhstall so kurzlebig geworden ist, weil es sowieso staatlich angeordnete Nummern-Verzeichnisse gibt und die Tiere in vielen Ställen elektronisch überwacht werden, genügt eine Nummer für die Unterscheidung der Tiere. Eine Marke mit genau dieser Nummer trägt 72204 seit ihrer Geburt in jedem Ohr.

72204, nennen wir sie hier ruhig Alma, ist eine dreijährige Milchkuh der rotbunten Rasse „Deutsches Fleckvieh“. Das ist eine bei uns noch weit verbreitete Rasse, die als Zwei-Nutzungsrind einen guten Milch- und Fleischertrag liefert. Sie lebt in einem Laufstall. In dem kann sie sich frei und nach Belieben unter Dach oder draußen bewegen. Ihre Vorfahren lebten auf der Alb ihr ganzes Rinderleben lang oft in kleinen, feuchten Ställen und waren angebunden, fast ohne Bewegung – jahrein, jahraus. Später wurden diese Anbindeställe größer, luftiger, aber die Tiere waren immer noch auf den Standplätzen angebunden, wurden dort gefüttert, getränkt und gemolken. Anfangs noch per Hand, später mit Melkmaschinen, die von Tier zu Tier weitergetragen werden mussten.

Der große Umbruch kam mit der Erkenntnis, dass es viel praktischer sei, die Tiere selber zu diesen Verrichtungen, zu den Liegeplätzen, Trögen, Tränken hinwandern zu lassen. Fortan konnte auch das Melken an zentraler Stelle in reinlichen, gefliesten Räumen mit ortsfester Melkeinrichtung geschehen; was auch den immer strenger werdenden Hygienevorschriften entgegenkam. Laufställe hießen diese neuen Ställe und, als man zusätzlich erkannte, dass Rinder keine Wohnzimmertemperatur brauchen, wurden diese Hallen geöffnet oder von vornherein in halb offene, aber zugfreie Hallen und Außenflächen unterteilt.

Jetzt sprach man von Außenklima-Ställen, und inzwischen sind fast alle neuen Ställe Anlagen dieses Typs. Das Anbinden von Tieren ist übrigens ab 2013 gesetzlich verboten.

Früher: Anbindestall – so haben kleinbäuerliche Betriebe vor noch nicht allzulanger Zeit Milchkühe gehalten.

Alma, immer noch am Trog, hört ein bekanntes rutschendes Geräusch. Sie hebt gemächlich ein Bein nach dem anderen, als der Faltschieber unter ihr hindurchzieht. Der schiebt von Zeit zu Zeit alles, was Alma auf dem Laufgang fallen lässt, den Gang entlang, bis an dessen Ende. Dort fällt es durch Bodenschlitze in die große unterirdische Güllegrube aus Beton. In der muss die Gülle einer ganzen Winterzeit Platz haben, weil es Landwirten untersagt ist, Gülle außerhalb der Vegetationszeit auf die Felder auszubringen. Die war im Bau recht teuer und deshalb und auch wegen der vielen mechanischen und elektronischen Installationen kosten Ställe dieses Typs trotz der recht preiswerten Gebäude heute ungefähr 8000 bis 10000 Euro pro Tierplatz mit allem Drum und Dran.

Unsere Alma verspürt inzwischen Durst und wandert zu der nächstgelegenen Tränke. Die ist winters elektrisch beheizt, damit das Trinkwasser nicht gefriert. Auf dem Weg dorthin steht ihr der Sinn nach ein wenig Körperpflege, denn sie kommt an der Kuhbürste vorbei. Sieht aus wie Teile einer Autowaschanlage und Alma lässt sich von den rotierenden Bürsten, die bei Ihrer Annäherung automatisch angesprungen sind, eine Weile den Rücken kraulen. Danach nimmt sie sich aus dem nächstgelegenen Futterautomaten noch ein paar Mäuler Kraftfutter. Das sind Pellets aus einer besonderen Futtermischung. Ohne die, und nur vom Heu, könnte Alma nie und nimmer ihr Milchsoll erfüllen. Der dort angebrachte Sensor hat die Marke an Almas Halsband geortet. Gemessen an ihrer Milchleistung erkennt er, dass Alma heute Morgen noch eine gute Portion zusteht und streut die in den dort angebrachten Futternapf.

Heute: In einem neuzeitlichen Außenklima-Laufstall dürfen sich die Tiere in einer großen Halle frei bewegen.

Jetzt möchte Alma sich ausruhen und betritt ihre trocken unter Dach gelegene Liegebox. Die ist so breit bemessen, dass Alma sich bequem niederlassen kann und so lang, dass Almas Hinterteil ein wenig auf den Gang herausragt und dorthin fallen kann, was fallen muss, wenn Alma zu diesem „Geschäft“ aufsteht.

Zweimal am Tag, sehr früh morgens und am späten Nachmittag, geht Alma zum Melkstand. Freiwillig reihen sich Alma und ihre Schwestern vor den Eingangstüren zum Melkstand auf und treten dann einzeln ein, sobald eine Türe öffnet. Mittig, etwas vertieft liegt die Melkgrube, von der aus der Landwirt die Euter in bequemer Griffhöhe hat (Zeichnung). Sensoren haben Almas Zutritt und ihren Standplatz schon längst erfasst und dem elektronischen Herden-Management-System gemeldet. Das erfasst auch die Milchmenge, die Alma nun gleich abliefern wird.

Euter waschen – Vormelken – Melkzeuge ansetzen – Melken – Abrüsten sind die Arbeitstakte, die für 60 bis 70 Kühe – das ist die durchschnittliche Herdengröße solcher Betriebe – von einer Person mit vielleicht einem Helfer in einer guten Stunde geleistet werden.

Ab Verlassen des Euters muss Milch immer unter sechs Grad Celsius gekühlt werden. Ab jetzt bis zu ihrem Eintreffen in der Molkerei oder der hofeigenen Käserei wird sie ständig auf Einhalten dieser Temperatur und der höchst zulässigen Zahl von Keimen überwacht. Zusammen ungefähr 6000 Liter Milch gibt Alma in gut 300 Tagen jährlich in den hofeigenen Kühltank. Ihre Vorfahren lieferten nicht einmal die Hälfte davon. Auf Höchstleistung gezüchtete Kühe, meist aus der schwarzbunten Rasse Holsteiner Friesen, bringen es sogar auf 10000 bis 11000 Liter. Das geht aber nur mit viel zusätzlichem „Kraft“-Futter. Allein mit dem Futter der schönsten Almenwiese würden diese Tiere „verhungern“.

Geben und Nehmen: Nutzvieh mal ganz mit Gegenseitigkeit bedacht. Diese Bürsten bieten ein Stück Lebensqualität.

Alma, vor drei Jahren geboren, verbrachte die ersten Jahre ihres Lebens als „Jungvieh“ in je nach Alter wechselnden Laufställen verschiedener Größe oder auf der Weide. Mit gut 2 ½ Jahren gebar sie ihr erstes Kalb und wurde in die Herde der Milchkühe eingereiht. Etwa ein Jahr danach wird sie ihr nächstes Kalb gebären, in ihrem kurzen Rinderleben zusammen etwa drei bis vier. Dann ist Alma nicht mehr auf diesem Hof. Als männliches Kalb wäre sie wahrscheinlich schon lange nicht mehr am Leben. Von irgendwo her müssen ja auch die Kalbshaxen kommen.

Etwa 32 bis 34 Cent pro Liter Milch erhält gegenwärtig ein Landwirt je nach Vertrag von seiner Molkerei im Schnitt. Jeder Leser wird sich noch an den Ablieferungsstreik der Milchbauern vor zwei Jahren erinnern, als der Preis knapp über 20 Cent lag.

Gut 40 Cent müssten es sein, sagen die Landwirte, wenn es fair zuginge. Deshalb hat „Faire Milch“ genau diesen Preis.

 

Tierhaltung: Ethik gehört auf den Speiseplan

Sind Kühe glücklich? Was immer man darunter versteht, wir wissen es nicht. Gewiss geht es ihnen aber in den neuzeitlichen Laufställen weit besser als ihren Vorfahren. Sie sind glücklich, sagen die Tierhalter, nur zufriedene und gesunde Kühe können so viel Milch geben.

Glückliche Kühe weiden – laut Bildern aus der Werbung – auf blühenden Almen. Warum nicht bei uns? Weil Pflege, Kontrolle und Melken der Tiere einschließlich elektronischer Überwachung von Gesundheit, Milchleistung und der strengen hygienischen Vorschriften nur in einem ortsfesten Melkstand geschehen können und nur dort in vertretbarer Arbeitszeit möglich sind. Und die wenigsten Höfe bei uns haben genug Weideland so nahe beim Stall, dass es möglich ist, die Tiere ohne großen Aufwand von der Weide in den Stall zum Melken zu treiben.

Wer also in unserer Gegend Rinder sommers auf der Weide sieht, sieht Jungtiere, Färsen (trächtige Kühe) oder Bullen.

Und überhaupt: Nüchtern betrachtet sind Landwirte Unternehmer und müssen als solche darauf schauen, pro Arbeitsplatz und Arbeitskraft die höchst mögliche Kostendeckung zu erreichen – schwer genug unter den gegenwärtigen Marktbedingungen – sagen die Milcherzeuger.

Ihre Produktionsmittel sind aber Tiere – und darin liegt das Problem für uns Außenstehende. Diese Tiere sind aus wenigen Rassen auf Höchstleistungen gezüchtet, mit allen vielleicht damit verbundenen Risiken und auch der Folge, dass andere altvertraute Rassen, die typisch für bestimmte Landschaften sind, verloren gehen könnten und mit ihnen unwiederbringlich manch wertvolle Eigenschaft. Sobald die Milchleistung nachlässt, ist das kurze Rinderleben zu Ende – manchmal nicht besonders sanft, wird von Zeit zu Zeit durch Medien berichtet. „Muss man eigentlich Fleisch essen?“, denkt dann vielleicht manch einer, der das hört oder liest.

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Printausgabe: Sphäre 3/2011, Seite 18-21

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