Nationalpark Val Grande

Nationalparkportrait: Val Grande am Lago Maggiore – Italiens letzte Wildnis

Härter kann der Kontrast kaum sein. Die liebliche Küstenlinie des Lago Maggiore lockt mit Sonne, Lebenskunst und italienischem Wein. Doch schon zehn Kilometer dahinter durchdringt der Wanderer kaum mehr die zu Buschwerk verdichtete Natur. Verlassene Almen werden von der Lebenskraft der Wälder einfach geschluckt. Wege verschwinden, die auf Landkarten eben noch verzeichnet waren.

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Wer hier unterwegs ist, muss wissen: Das Herz des Nationalparks Val Grande schlägt schon seit 1967 als sogenanntes Totalreservat – der höchsten Wildniskategorie, die der Landschaftsschutz kennt. Im Klartext: Sie brauchen Kondition, beste Ausrüstung, Improvisationstalent und einen geschärften Orientierungssinn.

Wenn Sie diese ureigensten Fähigkeiten reaktiviert haben, steht einer Traumtour nicht im Wege.

Das Abenteuer „letzte Wildnis Italiens“ beginnt mit zwei Vorbereitungstagen am Lago Maggiore. Der würzige Duft von Ginster und den staubtrockenen Kiefern gibt selbst der feuchten Seeluft an der Uferpromenade Cannobios eine herbwürzige Note. Herrlich.

Natur und Kultur: Im Nationalpark Val Grande regiert Natur, am 20 Kilometer entfernten Lago Maggiore verwöhnt Kultur.

Wie es sich für einen bewusst dinierenden Wandersmann gehört, erhöht schon das Proviantpaket bestückt mit regionalen Produkten das Abenteuer-Gefühl beträchtlich. Beim Schlendern über den Wochenmarkt und durch die Geschäfte kribbelt die Vorfreude in den Fingerspitzen und Waden. Wie wäre es mit einem Valle-Vigezzo-Schinken? Die Schweinshaxe wird 40 Tage eingelegt, anschließend über duftenden Gyneper geräuchert. Gierig saugt das Fleisch das balsamische Aroma auf. Danach muss der Schinken reifen, bevor ihn der Metzger mit einem zweiten Räucherbad aromatisiert. Gekauft. Und der einzigartige Ziegenkäse von Herden im Nationalpark Val Grande? Auch er darf in den Rucksack, wie auch das goldschimmernde Glas würzigen Val-Grande-Honig – als natürlicher Energieriegelersatz, falls der Zuckerspiegel auf der anstrengenden Tour mal sinkt. Kohlenhydrate geben Kraft, deshalb muss auch noch das herrlich kräftige Schwarzbrot aus Coimo in den Verpflegungssack. Das dunkle Brot stellten die Lago-Bäcker einst aus Sarazinerkorn her. Heute besteht der Teig aus Vollkorn und Roggen. Nur Schade, dass der „Prunet“ nicht mehr in den Rucksack passt. Was soll´s, Wein wäre ja auch geradezu suboptimal bei einer anstrengenden Mehrtagestour. Ersatzweise schimmert nun dieser granatrote Edeltropfen nach der Einkaufstour im Lichte der milden Abendsonne. Es wird kühl auf der Terrasse des Ristorante Villa Maria. Der Duft des Risotto alla Milanese schmeichelt der Nase. Stimmengewirr – temperamentvoll diskutiert eine italienische Großfamilie am Nachbartisch. Schwungvolle, fast malerische Handbewegung begleiten jedes Wort, bald jede Silbe, so als könne der Italiener das Gesagt nie dick genug unterstreichen. Diese südländische Unterhaltsamkeit schafft gefühlte 1000 Kilometer Alltagsdistanz, obwohl nur knapp 400 Kilometer dieses Alpenparadies rund um den Lago Maggiore von der Schwäbischen Alb trennen.

Heißbegehrt aber gefährlich: Erst am 14. 2. 2013 bedrohte wieder ein Waldbrand das Naturerbe.

Am nächsten Morgen aber wird es erst. Früh geht es los, erst fröhlich schaukelnd mit der Fähre entlang der Küste von Cannibio zunächst ins schweizerische Locarno. Warum Locarno? Weil hier die historische Streckenführung der berühmten Centovallibahn ihren Anfang nimmt. Das Schmalspurgespann klettert über Schienen 550 Höhenmeter hinauf in das malerische Gebirgsstädtchen Malesco – dem Ausgangspunkt unserer Etappentour.

Pause – ausreichend Proviant empfohlen.

Die Turmuhr über der Piazza schlägt Zwölf, Zeit für eine schnelle Pizza. Es ist viel los hier – die Knips-und-weg-Touris drängen aus zu vielen Reisebussen, um sich mit von der Mittagshitze erschlafften Minen in die verwinkelten Altstadtgassen zu ergießen. Nichts wie weg – Italiens letzte Wildnis wartet. Der Weg: Schmale Pfade, teilweise zugewachsen. Die Nacht: Auf einer der gepflegten, aber unbewirtschafteten Hütten. Die Ausstattung: Ein Holzofen, Pritschen, solide Bänke und Tische. Schlafsack und Isomatte braucht es schon für einen gewissen Komfort. Das Ziel: Zwölf Wanderstunden später soll die 2000-Seelen-Gemeinde Premosello-Chiovenda erreicht sein. Das lässt sich in zwei Tagen locker bewältigen. Von dort dauert die Zugfahrt per Schiene ins 15 Kilometer entfernte Lago-Städtchen Verbania vergleichsweise schlappe 20 Minuten. Auf der Fähre Richtung Cannobio klingt dann das kleine Abenteuer aus – die starken Eindrücke hallen im Takte des Wellenschlags noch lange nach. Geschafft.

Der Mensch geht, der Urwald kommt.

Die Durchquerung der größten wilden Oberfläche Italiens gehört zu den beeindruckensten Erlebnisse, die das überzivilisiertes Mitteleuropa bereithält. Eine Art Open Air Museum präsentiert die vergangene Alpinzivilisation und demonstriert schiere Schaffenskraft einer von Menschen entkoppelten Natur. Zwischen Monte Rosa und dem Lago Maggiore haben die Bewohner viele Almhütten verlassen. Teilweise blinzelt nur noch der Giebel durchs Dornröschen-Gestrüpp. Dächer stürzen ein, Weiden verbuschen. Der Wald holt sich alle Gebiete zurück, die er vormals an Ziegenhirten und Waldbauern zwangsweise abtreten musste.

Pause – ausreichend Proviant empfohlen.

Auslöser für die Flucht der Bergmenschen war wie so oft der Krieg. Auch in diesem armseligen Gebirge wüteteten 1944 mörderische Kämpfe. Reste von Schützengräben und Militärstrassen befinden sich entlang der Pfade, die zum Parco Nazionale della Val Grande führen. Die sogenannte Cadorna-Linie hatten die Italiener 1916 gebaut aus Furcht vor einer deutsch-österreichischen Invasion über die neutrale Schweiz. Die Bauern sind nun weg – zurück dagegen kommen Pflanze und Tier: Gämsen, Hirsche und Rehe – Füchse, Dachse und Marder stehen naturgemäß wieder an der Spitze der natürlichen Nahrungskette. Das Geschrei des Goldadlers erhellt wieder die reine Nationalparkluft, Forellen springen unbehelligt von Anglerslust in den glasklaren Bächen dieses Parks.

Auf der Tour wechseln schnell die Bilder. Hoch oben thront die karge Felsenwelt, an Südhängen knistern duftende Sträucher in sengender Hitze. Buchen, Fichten und Weißtannen säumen die Mittellagen. Um die Flussläufe fühlen sich knorrige Kastanien wohl.

 

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Übersichtskarte

Nationalpark Val Grande

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Nationalpark Val Grande: 46.126720, 8.500650

 

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Wilderness: Nationalpark als Totalreservat

Smaragdeidechse: Dieses Reptil zählt mit 35 bis 40 Zentimetern Körperlänge zu den größten Eidechsen Europas. Die tiefer gelegenen Südhänge des Nationalparks bieten einen optimalen Lebensraum.

Nationalpark Val Grande: Das Val Grande ist von mächtigen Felsbergen umgeben. 1967 erklärte Italien das Gebiet ums Felsmassiv Pedum (2111 m) zum Totalreservat. In den Achtzigern beförderten dann die lokalen Behörden die Nationalparkidee. Der Nationalpark wurde 1992 gegründet auf einer Fläche von 150 Quadratkilometern.

Parco Nazionale della Val Grande: 150 km2 (Vergleich: Biosphärengebiet Schwäbische Alb: 853 km2) / Höchster Gipfel: 2301 m (Mt. Togano) 

Parkdurchquerung: Auf der im Artikel beschrieben Tour sind Ortskenntnis (GPS-Geräte) und Wandertraining gefragt. Alternativ können Sie die wilde Schönheit des Nationalparks mit Führern erkunden (Guide Ufficiali del Parco und Guide Alpine). Für die hier beschriebene Tour benötigt man zwei Tage mit Übernachtung in einer Berghütte (Scaredi, In La Piana, Val Gabbio, Colma di Premosello). Schlafsack und Proviant sollten Sie mitnehmen.

Auf einigen Wanderwegen werden Arbeiten für die Erhaltung des Pfades und die Beschilderung durchgeführt. Die Stege in la Piana und Alpe Val Gabbio sind wegen Unbenutzbarkeit geschlossen; man muss den Fluss durchwaten und sich mit der Landkarte orientieren. Deswegen sollte man diese Wanderung nur mit fachkundigen Führern begehen oder sich zuvor umfassend informieren.

Einmal quer durch die Wildnis:

  • Von Malesco nach Colloro nahe Premosello-Chiovenda
  • Höhe: 1400 Meter bergauf und 2000 Meter bergab
  • Dauer: 10-12 Std, 2 Etappen

 


 

WEBcode #13231

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Printausgabe: Sphäre 2/2013, Seite 28-31

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