Nationalpark: Riesengebirge

Nationalparkportrait: Riesengebirge Naturreich in Tschechien und Polen

Ein Hüne aus der Gegend steckt heute im Kostüm des langbärtigen Geistes Rübezahl und verteilt Werbematerial für alles, was ein dynamischer europäischer Touristenort so zu bieten hat: Bobbahn, Hochseilkletteranlage, Adventure- und Aquapark. Rübezahls Reich war uns zu Zeiten des Eisernen Vorhangs ein Buch mit sieben Siegeln. Heute entdeckt Europa diese einmalige Naturlandschaft neu. Nicht nur Tschechisch klingt durch den Ort, sondern auch andere Sprachen wie Deutsch, Niederländisch und Französisch.

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Ein Berggeist im Riesengebirge verliebte sich dereinst unsterblich in eine Fürstentochter. Beim Bade unter dem Wasserfall entführte er die Schöne in sein prächtiges Tiefenreich. Doch gewann er das Herz des Mädchens nicht, längst gehörte es Fürst Ratibor unten in Schlesien. Das holde Wesen forderte vom Geist, dass er als Zeichen seiner Treue alle Rüben auf dem Felde zähle. Während er dies tat entfloh die Fürstentochter in die Arme Ratibors. Der Gnom blieb grollend zurück und streift unter dem Spottnamen Rübezahl noch immer durchs Riesengebirge und durch die Lesebücher unserer Kinder.

Text von Marco Heinz

Ein Hüne aus der Gegend steckt heute im Kostüm des langbärtigen Geistes Rübezahl und verteilt Werbematerial für alles, was ein dynamischer europäischer Touristenort so zu bieten hat: Bobbahn, Hochseilkletteranlage, Adventure- und Aquapark. Rübezahls Reich war uns zu Zeiten des Eisernen Vorhangs ein Buch mit sieben Siegeln. Heute entdeckt Europa diese einmalige Naturlandschaft neu. Nicht nur Tschechisch klingt durch den Ort, sondern auch andere Sprachen wie Deutsch, Niederländisch und Französisch.

Bis vor 20 Jahren hätte uns die Gegend auch deshalb kaum gelockt, weil es die böhmische Schwerindustrie zu makabrer Berühmtheit gebracht hatte, der jene über dem Kamm in Schlesien nicht nachstand. Schon seit im Mittelalter der Silberbergbau begann, trieb der Mensch hier Raubbau an der Natur, die Emissionen der 1970er Jahre gaben den Bergwäldern den Rest.

Heute gibt es nur noch wenige Felder mit Baumleichen. Strengen EU- Richtlinien zum Schadstoffausstoß und die niederländische Fase-Stiftung, die sich seit 1992 auch die Wiederaufforstung des Riesengebirges zur Aufgabe macht, ist es zu verdanken das Rübezahls Gebirge wieder herrlich grünt. Fichten, Bergkiefern und Buchen rauschen im Wind und entfachen unbändige Wanderlust.

Mit dem Sessellift zum Medvédin mit dem Bus zur Spindler Baude oder gleich auf Schusters Rappen zieht es die Menschen hinauf zum Höhenkamm mitten in den Nationalpark, dessen herben unvergleichlichen Scharm wohl keiner vergessen kann, der ihn jemals sah. Der höchste Kamm des Gebirges ist zugleich Grenze zwischen Tschechien und Polen. Nach Schlesien hinunter fällt er brüsk ab, während sich auf der böhmischen Seite mehrere Seitenkämme angliedern. Das Riesengebirge zeigt einen alpineren Charakter als alle unsere deutschen Mittelgebirge. Arktisch-alpine Tundralandschaft nennt der Geologe das faszinierende Bild auf Höhen zwischen 1200 und 1400 Metern. Es ist geprägt von Hochmooren, Blumenwiesen, Steinfeldern aus Granit und Bergheiden mit Inseln von Latschenkiefernsträuchern. Bizarre Granitformationen ragen auf dem Kamm, die uns glauben lassen, ein Riese habe hier mit Bauklötzen gespielt. In Wirklichkeit sind sie allein Werk der Erosion. Die grandiose Bergwelt hat eine optische Wucht, sie täuscht Ferne vor. Felsen oder Bauden sind weit im Voraus zu sehen. Stets glaubt der Wanderer, sie seien viel entfernter als auf den Wegschildern angegeben. Die Wegschilder stimmen am Ende aber immer.

Im Hochmoor auf rund 1300 Meter Höhe findet sich auch die 1634 geweihte und eingefasste Quelle der Elbe, vor den stilisierten Stadtwappen der Elbestädte von Spindler Mühle bis Cuxhaven. Nach kaum einem Kilometer seines Laufs stürzt der junge Fluss in hellen Fäden über Kaskaden in eine schwindelnde Felsenschlucht. Hier ist kaum vorstellbar, das aus diesen Fäden ein prägender Wasserlauf Europas wird, der nach 1154 Kilometern Lauf in einer Breite von 15 Kilometern in die Nordsee mündet.

In etwa zwanzig Kilometer Entfernung von der Elbequelle steigt die Königin dieser Berglandschaft empor. Die Gipfelpyramide der Schneekoppe ragt streng und steinern noch 200 Meter über der Hochfläche. „Karling“ nennen Geologen solch ein fast gleichschenkliges Gipfeldreieck, das genau so aussieht, wie ein Kind einen Berg malen würde. Der strenge Gipfel­aufbau der Schneekoppe, obwohl er auf breiten Pflasterwegen gut begehbar ist, erzeugt im Wanderer Respekt, vielleicht sogar eine gewisse Furcht. Trotzdem erweisen sich die polnischen und tschechischen Besucher hier als wetterfeste Völkchen. In Pullovern und Regencapes ziehen sie auch an den häufigen herb-regnerischen Tagen in Scharen mit Kind und Kegel hinauf zum höchsten Berg der Tschechischen Republik – erhabene 1602 Meter über dem Meer.

Und Recht haben sie: Denn die Wolkenspiele am Grad sind spannender als jeder Krimi. Rasend schnell jagen watteweiße Schwaden heran. Nebelfetzen umfliegen die Grade, machen sie zum bewegten Bild, bis der Wanderer meint, nun wirklich Rübezahls Geister tanzen zu sehen. Fenster reißen in die Wolkenwand, tiefblaue Seen tauchen in verwunschener Tiefe auf. Schlesische Dörfer, wie Teppichmuster in die Weite gestreut, zeigen sich. Wer nur die Sonne sucht, kennt kaum ein Tausendstel der Schönheit unserer Welt. In klaren Tagen wiederum gehen erhabene Blicke ins böhmische Becken und in die Weite Polens.

Trotz aller Herbheit des Klimas lebt eine einzigartige Fauna und Flora im Riesengebirgsnationalpark. 1140 höhere Pflanzenarten zählt der Botaniker hier oben, die Böhmische Glockenblume und die Sudeten-Zwergmispel blühen nirgends sonst auf der Welt. Der Eurasische Luchs spitzt hier seine Pinselohren und auch das Rotsternige Blaukehlchen sing stellvertretend für viele andere seltene Tiere, deren Schutz sich der Nationalpark zum Ziel gesetzt hat.

Ein Urlauber, der Rübezahls Reich erkundet hat, wird immer ein Stück Riesengebirge im Herzen tragen.

Fotos: Marco Heinz, Nationalpark

 

Grenzenlos: Tschechisch-polinische Naturinitiative

Der Nationalpark im Riesengebirge (tschechisch Krknonose, polnisch Karkonosze) schützt eine einzigartige arktisch-alpine Tundralandschaft. Das Schutzgebiet erstreckt sich über 42500 Hektar und feierte 2013 seinen fünfzigsten Geburtstag. 5500 Hektar liegen in Polen, 37000 Hektar in Tschechien. Seit 1993 firmiert das Gebiet auch als Biosphärenreservat.

Tschechen und Polen verwalten den Nationalpark gemeinschaftlich. Beide Länder beweisen, dass ein Nationalparkgebiet alles andere als weltabgewandt und rückständig ist, sondern durchaus wirtschaftliche Chancen hat. Beispiel Spindler Mühle: Neben Wanderungen hinauf ins unmittelbare Schutzgebiet bietet das böhmische Tor zu Rübezahls Reich alles, was große und kleine Urlauber lieben: Aquapark, Adventureparc, Hochseilklettergarten, Bobbahn, Kinderspielplatz. Im Winter ist hier eines der beliebtesten Skigebiete für alpine und nordische Sportler. Drei Mal schon, zuletzt 2011 zeigten beim Skiweltcup der Damen Topstars wie Maria Höfl-Riesch und Lindsay Vonn ihr Können in Slalom und Riesentorlauf. Im nahen Harrachov steht eine der weltgrößten Skiflugschanzen. Der Finne Hautamäki und der Österreicher Morgenstern teilen sich den Schanzenrekord von 214,5 Metern.

Im Sommer ertüchtigen sich auf wenigen Asphaltstraßen in die Berge durchaus auch Rennradfahrer. Für Mountainbiker sind sportlich und landschaftlich äußerst attraktive Pisten ausgeschildert. Wer sie allerdings verlässt zahlt gesalzene Strafen, ebenso wie der Wanderer, der meint im sensiblen Ökosystem querfeldein marschieren zu müssen.

Die Wege sind vorbildlich gepflegt und beschildert. In Tschechien sind die Entfernungen in Kilometern in Polen in Stunden angegeben. Nur so erkennt man manchmal, auf welchem Territorium man sich befindet. Festes Schuhwerk allerdings ist unbedingt erforderlich.

Ein enges Netz von Bauden (so nennt man Berggasthöfe hier) bietet echt böhmische Küche zu humanen Preisen, wie Böhmische Knödel mit Sauerkraut und Braten, Palatschinken, Hefeklöße mit Heidelbeeren.

Spindler Mühle liegt von Zittau im deutsch-tschechisch-polnischen Dreiländereck 90 Kilometer entfernt. Anfahrt aus Süddeutschland über Prag (rund 150 Kilometer).

Nationalpark Riesengebirge: 42500 Hektar / max. Höhe: 1602 m (Schneekoppe). Vergleich: Biosphärenreservat Schwäbische Alb 85300 Hektar, Ehemaliger Truppenübungsplatz Münsingen 3700 Hektar.

 

 

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Grenzgänger: Bizarre Granitformationen wie hier der Mittagsfels lassen uns glauben, ein Riese habe hier mit Klötzen gespielt. Hier am Bergkamm verläuft der Freundschaftsweg, der Polen und Tschechien trennt und zugleich verbindet.

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Traumtänzer: Der Blick auf den Höhenwegen verschwimmt zwischen Wolken und Abendllicht. In der fast surreal schöne Kulisse keimt im Wanderer ein eigentümliches Gefühl, das ihn für die Dauer seiner Schritte der Welt entrückt.

 

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Nationalpark Riesengebirge: 50.760350, 15.658264

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