{"id":10182,"date":"2010-10-22T13:12:09","date_gmt":"2010-10-22T11:12:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/?p=10182"},"modified":"2020-04-01T20:15:32","modified_gmt":"2020-04-01T18:15:32","slug":"blaubeuren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/?p=10182","title":{"rendered":"Blaubeuren"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Sage von der sch\u00f6nen Lau <\/strong><\/p>\n<p><strong><!--more--><\/strong><\/p>\n<p><b>\t\t<div id=\"maps-marker-pro-b431aa3b\" class=\"maps-marker-pro\" style=\"width: 100%;\">\n\t\t\t<div id=\"mmp-map-wrap-b431aa3b\" class=\"mmp-map-wrap\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<div id=\"mmp-panel-b431aa3b\" class=\"mmp-panel\"><\/div>\n\t\t\t\t\t\t\t\t<div id=\"mmp-map-b431aa3b\" class=\"mmp-map\" style=\"height: 400px;\"><\/div>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/b><\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #800000;\">Die Sage von der sch\u00f6nen Lau<\/span><\/h2>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-weight: normal;\"><strong>Von Eduard M\u00f6rike<\/strong><\/span><\/strong><\/p>\n<p>Der Blautopf ist der gro\u00dfe runde Kessel eines wundersamen Quells bei einer j\u00e4hen Felsenwand gleich hinter dem Kloster. Gen Morgen sendet er ein Fl\u00fc\u00dfchen aus, die Blau, welche der Donau zuf\u00e4llt. Dieser Teich ist einw\u00e4rts wie ein tiefer Trichter, sein Wasser von Farbe ganz blau, sehr herrlich, mit Worten nicht wohl zu beschreiben; wenn man es aber sch\u00f6pft, sieht es ganz hell in dem Gef\u00e4\u00df.<\/p>\n<p>Zu unterst auf dem Grund sa\u00df ehemals eine Wasserfrau mit langen flie\u00dfenden Haaren. Ihr Leib war allenthalben wie eines sch\u00f6nen, nat\u00fcrlichen Weibs, dies eine ausgenommen, da\u00df sie zwischen den Fingern und Zehen eine Schwimmhaut hatte, bl\u00fchwei\u00df und z\u00e4rter als ein Blatt vom Mohn. Im St\u00e4dtlein ist noch heutzutag ein alter Bau, vormals ein Frauenkloster, hernach zu einer gro\u00dfen Wirtschaft eingerichtet, und hie\u00df darum der Nonnenhof. Dort hing vor sechzig Jahren noch ein Bildnis von dem Wasserweib, trotz Rauch und Alter noch wohl kenntlich in den Farben. Da hatte sie die H\u00e4nde kreuzweis auf die Brust gelegt, ihr Angesicht sah wei\u00dflich, das Haupthaar schwarz, die Augen aber, welche sehr gro\u00df waren, blau. Beim Volk hie\u00df sie die arge Lau im Topf, auch wohl die sch\u00f6ne Lau. Gegen die Menschen erzeigte sie sich bald b\u00f6se, bald gut. Zuzeiten, wenn sie im Unmut den Gumpen \u00fcbergehen lie\u00df, kam Stadt und Kloster in Gefahr, dann brachten ihr die B\u00fcrger in einem feierlichen Aufzug oft Geschenke, sie zu beg\u00fctigen, als: Gold- und Silbergeschirr, Becher, Schalen, kleine Messer und andre Dinge, dawider zwar, als einen heidnischen Gebrauch und G\u00f6tzendienst, die M\u00f6nche redlich eiferten, bis derselbe auch endlich ganz abgestellt worden. So feind darum die Wasserfrau dem Kloster war, geschah es doch nicht selten, wenn Pater Emeran die Orgel dr\u00fcben schlug und kein Mensch in der N\u00e4he war, da\u00df sie am lichten Tag mit halbem Leib heraufkam und zuhorchte; dabei trug sie zuweilen einen Kranz von breiten Bl\u00e4ttern auf dem Kopf und auch dergleichen um den Hals.<\/p>\n<p>Ein frecher Hirtenjung&#8216; belauschte sie einmal in dem Geb\u00fcsch und rief: \u201eHei, Laubfrosch! git&#8217;s guat Wetter?\u201c Geschwinder als ein Blitz und giftiger als eine Otter fuhr sie heraus, ergriff den Knaben beim Schopf und ri\u00df ihn mit hinunter in eine ihrer nassen Kammern, wo sie den ohnm\u00e4chtig Gewordenen j\u00e4mmerlich verschmachten und verfaulen lassen wollte. Bald aber kam er wieder zu sich, fand eine T\u00fcr und kam, \u00fcber Stufen und G\u00e4nge, durch viele Gem\u00e4cher in einen sch\u00f6nen Saal. Hier war es lieblich, glusam mitten im Winter. In einer Ecke brannte, indem die Lau und ihre Dienerschaft schon schlief, auf einem hohen Leuchter mit goldenen Vogelf\u00fc\u00dfen als Nachtlicht eine Ampel. Es stand viel k\u00f6stlicher Hausrat herum an den W\u00e4nden, und diese waren samt dem Estrich ganz mit Teppichen staffiert, Bildweberei in allen Farben. Der Knabe hurtig nahm das Licht herunter von dem Stock, sah sich in Eile um, was er noch sonst erwischen m\u00f6chte, und griff aus einem Schrank etwas heraus, das stak in einem Beutel und war m\u00e4chtig schwer, deswegen er vermeinte, es sei Gold; lief dann und kam vor ein erzenes Pf\u00f6rtlein, das mochte in der Dicke gut zwo F\u00e4uste sein, schob die Riegel zur\u00fcck und stieg eine steinerne Treppe hinauf in unterschiedlichen Abs\u00e4tzen, bald links, bald wieder rechts, gewi\u00df vierhundert Stufen, bis sie zuletzt ausgingen und er auf unger\u00e4umte Kl\u00fcfte stie\u00df; da mu\u00dfte er das Licht dahinten lassen und kletterte so mit Gefahr seines Lebens noch eine Stunde lang im Finstern hin und her, dann aber brachte er den Kopf auf einmal aus der Erde. Es war tief Nacht und dicker Wald um ihn. Als er nach vielem Irregehen endlich mit der ersten Morgenhelle auf g\u00e4nge Pfade kam und von dem Felsen aus das St\u00e4dtlein unten erblickte, verlangte ihn am Tag zu sehen, was in dem Beutel w\u00e4re; da war es weiter nichts als ein St\u00fcck Blei, ein schwerer Kegel, spannenlang, mit einem \u00d6hr an seinem obern Ende, wei\u00df vor Alter. Im Zorn warf er den Plunder weg, ins Tal hinab, und sagte nachher weiter niemand von dem Raub, weil er sich dessen sch\u00e4mte. Doch kam von ihm die erste Kunde von der Wohnung der Wasserfrau unter die Leute.<\/p>\n<p>Nun ist zu wissen, da\u00df die sch\u00f6ne Lau nicht hier am Ort zu Hause war; vielmehr war sie, als eine F\u00fcrstentochter, und zwar, von Mutterseiten her halbmenschlichen Gebl\u00fcts, mit einem alten Donaunix am Schwarzen Meer verm\u00e4hlt. Ihr Mann verbannte sie, darum, da\u00df sie nur tote Kinder hatte. Das aber kam, weil sie stets traurig war, ohn&#8216; einige besondere Ursach&#8216;. Die Schwiegermutter hatte ihr geweissagt, sie m\u00f6ge eher nicht eines lebenden Kindes genesen, als bis sie f\u00fcnfmal von Herzen gelacht haben w\u00fcrde. Beim f\u00fcnften Male m\u00fc\u00dfte etwas sein, das d\u00fcrfe sie nicht wissen, noch auch der alte Nix. Es wollte aber damit niemals gl\u00fccken, soviel auch ihre Leute deshalb Flei\u00df anwendeten; endlich da mochte sie der alte K\u00f6nig ferner nicht an seinem Hofe leiden und sandte sie an diesen Ort, unweit der obern Donau, wo seine Schwester wohnte. Die Schwiegermutter hatte ihr zum Dienst und Zeitvertreib etliche Kammerzofen und M\u00e4gde mitgegeben, so muntere und kluge M\u00e4dchen, als je auf Entenf\u00fc\u00dfen gingen (denn was von dem gemeinen Stamm der Wasserweiber ist, hat rechte Entenf\u00fc\u00dfe); die zogen sie, pur f\u00fcr die Langeweile, sechsmal des Tages anders an \u2014 denn au\u00dferhalb dem Wasser ging sie in k\u00f6stlichen Gew\u00e4ndern, doch barfu\u00df \u2014, erz\u00e4hlten ihr alte Geschichten und M\u00e4ren, machten Musik, tanzten und scherzten vor ihr. An jenem Saal, darin der Hirtenbub gewesen, war der F\u00fcrstin ihr Gaden oder Schlafgemach, von welchem eine Treppe in den Blautopf ging. Da lag sie manchen lieben Tag und manche Sommernacht, der K\u00fchlung wegen. Auch hatte sie allerlei lustige Tiere, wie V\u00f6gel, K\u00fcllhasen und Affen, vornehmlich aber einen possigen Zwerg, durch welchen vormals einem Ohm der F\u00fcrstin war von ebensolcher Traurigkeit geholfen worden. Sie spielte alle Abend Damenziehen, Schachzagel oder Schaf und Wolf mit ihm; so oft er einen ungeschickten Zug getan, schnitt er die raresten Gesichter, keines dem andern gleich, nein, immer eines \u00e4rger als das andere, da\u00df auch der weise Salomo das Lachen nicht gehalten h\u00e4tte, geschweige denn die Kammerjungfern oder du selber, liebe Leserin, w\u00e4rst du dabei gewesen; nur bei der sch\u00f6nen Lau schlug eben gar nichts an, kaum da\u00df sie ein paarmal den Mund verzog.<\/p>\n<p>Es kamen alle Jahr um Winters Anfang Boten von daheim, die klopften an der Halle mit dem Hammer, da frugen dann die Jungfern:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Wer pochet, da\u00df einem das Herz erschrickt?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Und jene sprachen:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Der K\u00f6nig schickt!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Gebt uns wahrhaftigen Bescheid,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">was Guts ihr habt geschafft die Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Und sie sagten:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Wir haben die ferndigen<sup>1)<\/sup> Lieder gesungen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">und haben die ferndigen T\u00e4nze gesprungen,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">gewonnen war es um ein Haar! \u2014<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Kommt, liebe Herren, \u00fcbers Jahr.<\/p>\n<p>So zogen sie wieder nach Haus. Die Frau war aber vor der Botschaft und darnach stets noch einmal so traurig.<\/p>\n<p>Im Nonnenhof war eine dicke Wirtin, Frau Betha Seysolffin, ein frohes Biederweib, christlich, leutselig, g\u00fctig; zumal an armen reisenden Gesellen bewies sie sich als eine rechte Fremdenmutter. Die Wirtschaft f\u00fchrte zumeist ihr \u00e4ltster Sohn, Stephan, welcher verehlicht war; ein anderer, Xaver, war Klosterkoch, zwo T\u00f6chter noch bei ihr. Sie hatte einen kleinen K\u00fcchengarten vor der Stadt, dem Topf zun\u00e4chst. Als sie im Fr\u00fchjahr einst am ersten warmen Tag dort war und ihre Beete richtete, den Kappis<sup>2)<\/sup>, den Salat zu s\u00e4en, Bohnen und Zwiebel zu stecken, besah sie sich von ungef\u00e4hr auch einmal recht mit Wohlgefallen wieder das sch\u00f6ne blaue Wasser \u00fcberm Zaun und mit Verdru\u00df daneben einen alten garstigen Schutth\u00fcgel, der sch\u00e4ndete den ganzen Platz; nahm also, wie sie fertig war mit ihrer Arbeit und das Gartent\u00fcrlein hinter sich zugemacht hatte, die Hacke noch einmal, ri\u00df flink das gr\u00f6bste Unkraut aus, erlas etliche K\u00fcrbiskern&#8216; aus ihrem Samenkorb und steckte hin und wieder einen in den Haufen. (Der Abt im Kloster, der die Wirtin, als eine saubere Frau, gern sah \u2014 man h\u00e4tte sie nicht \u00fcber vierzig Jahr gesch\u00e4tzt, er selber aber war gleich ihr ein starkbeleibter Herr \u2014 stand just am Fenster oben und gr\u00fc\u00dfte her\u00fcber, indem er mit dem Finger drohte, als halte sie zu seiner Widersacherin.) Die W\u00fcstung gr\u00fcnte nun den ganzen Sommer, da\u00df es eine Freude war, und hingen dann im Herbst die gro\u00dfen gelben K\u00fcrbis an den Abhang nieder bis zu dem Teich.<\/p>\n<p>Jetzt ging einstmals der Wirtin Tochter, Jutta, in den Keller, woselbst sich noch von alten Zeiten her ein offener Brunnen mit einem steinernen Kasten befand. Beim Schein des Lichts erblickte sie darinne mit Entsetzen die sch\u00f6ne Lau, schwebend bis an die Brust im Wasser; sprang voller Angst davon und sagt&#8217;s der Mutter an; die f\u00fcrchtete sich nicht und stieg allein hinunter, litt auch nicht, da\u00df ihr der Sohn zum Schutz nachfolgte, weil das Weib nackt war.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Der wunderliche Gast sprach diesen Gru\u00df:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eDie Wasserfrau ist kommen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">gekrochen und geschwommen,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">durch G\u00e4nge steinig, w\u00fcst und kraus,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">zur Wirtin in das Nonnenhaus,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">sie hat sich meinethalb geb\u00fcckt,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">mein&#8216; Topf geschm\u00fcckt<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">mit Fr\u00fcchten und mit Ranken,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">das mu\u00df ich billig danken.\u201c<\/p>\n<p>Sie hatte einen Kreisel aus wasserhellem Stein in ihrer Hand, den gab sie der Wirtin und sagte: \u201eNehmt dieses Spielzeug, liebe Frau, zu meinem Angedenken! Ihr werdet guten Nutzen davon haben. Denn j\u00fcngsthin habe ich geh\u00f6rt, wie Ihr in Eurem Garten der Nachbarin klagtet, Euch sei schon auf die Kirchweih angst, wo immer die B\u00fcrger und Bauern zu Unfrieden k\u00e4men und Mord und Totschlag zu befahren sei. Derhalben, liebe Frau, wenn wieder die trunkenen G\u00e4ste bei Tanz und Zeche Streit beginnen, nehmt den Topf zur Hand und dreht ihn vor der T\u00fcr des Saals im \u00d6hrn<sup>3)<\/sup>, da wird man h\u00f6ren durch das ganze Haus ein m\u00e4chtiges und herrliches Get\u00f6ne, da\u00df alle gleich die F\u00e4uste werden sinken lassen und guter Dinge sein, denn j\u00e4hlings ist ein jeder n\u00fcchtern und gescheit geworden. Ist es an dem, so werfet Eure Sch\u00fcrze auf den Topf, da wickelt er sich alsbald ein und lieget stille.\u201c<\/p>\n<p>So redete das Wasserweib. Frau Betha nahm\u00a0vergn\u00fcgt das Kleinod samt der goldenen Schnur und dem Halter von Ebenholz, rief ihrer Tochter Jutta her (sie stand nur hinter dem Krautfa\u00df an der Staffel), wies ihr die Gabe, dankte und lud die Frau, so oft die Zeit ihr lang w\u00e4r&#8216;, freundlich ein zu fernerem Besuch, darauf das Weib hinabfuhr und verschwand.<\/p>\n<p>Es dauerte nicht lang&#8216;, so wurde offenbar, welch einen Schatz die Wirtschaft an dem Topf gewann. Denn nicht allein, da\u00df er durch seine Kraft und hohe Tugend die \u00fcbeln H\u00e4ndel allezeit in einer K\u00fcrze d\u00e4mpfte, er brachte auch dem Gasthaus bald erstaunliche Einkehr zuwege. Wer in die Gegend kam, gemein oder vornehm, ging ihm zulieb&#8216;; insonderheit kam bald der Graf von Helfenstein, von Wirtemberg und etliche gro\u00dfe Pr\u00e4laten; ja ein ber\u00fchmter Herzog aus Lombardenland, so bei dem Herzoge von Bayern gastweis war und dieses Wegs nach Frankreich reiste, bot vieles Geld f\u00fcr dieses St\u00fcck, wenn es die Wirtin lassen wollte. Gewi\u00df auch war in keinem andern Land seinesgleichen zu sehn und zu h\u00f6ren. Erst, wenn er anhub, sich zu drehen, ging es doucement her, dann klang es st\u00e4rker und st\u00e4rker, so hoch wie tief, und immer herrlicher, als wie der Schall von vielen Pfeifen, der quoll und stieg durch alle Stockwerke bis unter das Dach und bis in den Keller, dergestalt, da\u00df alle W\u00e4nde, Dielen, S\u00e4ulen und Gel\u00e4nder schienen davon erf\u00fcllt zu sein, zu t\u00f6nen und zu schwellen. Wenn nun das Tuch auf ihn geworfen wurde und er ohnm\u00e4chtig lag, so h\u00f6rte gleichwohl die Musik so bald nicht auf, es zog vielmehr der ausgeladene Schwall mit starken Klingen, Dr\u00f6hnen, Summen noch wohl bei einer Viertelstunde hin und her.<\/p>\n<p>Bei uns im Schwabenland hei\u00dft so ein Topf aus Holz gemeinhin eine Habergeis; Frau Betha ihrer ward nach seinem vornehmsten Gesch\u00e4ft insgemein genannt der Bauren-Schwaiger. Er war gemacht aus einem gro\u00dfen Amethyst, des Name besagen will: wider den Trunk, weil er den schweren Dunst des Weins geschwinde aus dem Kopf vertreibt, ja schon von Anbeginn dawider tut, da\u00df einen guten Zecher das Selige ber\u00fchre; darum ihn auch weltlich und geistliche Herren sonst h\u00e4ufig pflegten am Finger zu tragen.<\/p>\n<p>Die Wasserfrau kam jeden Mond einmal, auch je und je unverhofft zwischen der Zeit, weshalb die Wirtin eine Schelle richten lie\u00df, oben im Haus, mit einem Draht, der lief herunter an der Wand beim Brunnen, damit sie sich gleichbald anzeigen konnte. Also ward sie je mehr und mehr zutunlich zu den wackeren Frauen, der Mutter samt den T\u00f6chtern und der S\u00f6hnerin.<\/p>\n<p>Einstmals an einem Nachmittag im Sommer, da eben keine G\u00e4ste kamen, der Sohn mit den Knechten und M\u00e4gden hinaus in das Heu gefahren war, Frau Betha mit der \u00c4ltesten im Keller Wein ablie\u00df, die Lau im Brunnen aber Kurzweil halben dem Gesch\u00e4ft zusah und nun die Frauen noch ein wenig mit ihr plauderten, da fing die Wirtin an:<\/p>\n<p>\u201eM\u00f6gt Ihr Euch denn einmal in meinem Haus und Hof umsehn? Die Jutta k\u00f6nnte Euch etwas von Kleidern geben; ihr seid von einer Gr\u00f6\u00dfe.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, sagte sie, \u201eich wollte lange gern die Wohnungen der Menschen sehn, was alles sie darin gewerben, spinnen, weben, ingleichen auch wie Eure T\u00f6chter Hochzeit machen und ihre kleinen Kinder in der Wiege schwenken.\u201c<\/p>\n<p>Da lief die Tochter fr\u00f6hlich mit Eile hinauf, ein rein Leintuch zu holen, bracht&#8216; es und half ihr aus dem Kasten steigen, das tat sie sonder M\u00fche und lachenden Mundes. Flugs schlug ihr die Dirne das Tuch um den Leib und f\u00fchrte sie bei ihrer Hand eine schmale Stiege hinauf in der hintersten Ecke des Kellers, da man durch eine Fallt\u00fcr oben gleich in der T\u00f6chter Kammer gelangt. Allda lie\u00df sie sich trocken machen und sa\u00df auf einem Stuhl, indem ihr Jutta die F\u00fc\u00dfe abrieb. Wie diese ihr nun an die Sohle kam, fuhr sie zur\u00fcck und kicherte. \u201eWar&#8217;s nicht gelacht?\u201c frug sie selber sogleich. \u2014 \u201eWas anders?\u201c rief das M\u00e4dchen und jauchzte: \u201eGebenedeiet sei uns der Tag! ein erstes Mal w\u00e4r&#8216; es gegl\u00fcckt!\u201c \u2014 Die Wirtin h\u00f6rte in der K\u00fcche das Gel\u00e4chter und die Freude, kam herein, begierig, wie es zugegangen, doch als sie die Ursach&#8216; vernommen \u2014 du armer Tropf, so dachte sie, das wird ja schwerlich gelten! \u2014 lie\u00df sich indes nichts merken, und Jutte nahm etliche St\u00fccke heraus aus dem Schrank, das Beste, was sie hatte, die Hausfreundin zu kleiden. \u201eSeht\u201c, sagte die Mutter: \u201eSie will wohl aus Euch eine Susann Preisnestel machen.\u201c \u2014 \u201eNein\u201c, rief die Lau in ihrer Fr\u00f6hlichkeit, \u201ela\u00df mich die Aschengruttel sein in deinem M\u00e4rchen!\u201c \u2014 nahm einen schlechten runden Faltenrock und eine Jacke; nicht Schuh noch Str\u00fcmpfe litt sie an den F\u00fc\u00dfen, auch hingen ihre Haare ungez\u00f6pft bis auf die Kn\u00f6chel nieder. So strich sie durch das Haus von unten bis zu oberst, durch K\u00fcche, Stuben und Gem\u00e4cher. Sie verwunderte sich des gemeinsten Ger\u00e4tes und seines Gebrauchs, besah den reingefegten Schenktisch und dar\u00fcber in langen Reihen die zinnenen Kannen und Gl\u00e4ser, alle gleich gest\u00fcrzt, mit h\u00e4ngendem Deckel, dazu den kupfernen Schwenkkessel samt der B\u00fcrste und mitten in der Stube an der Decke der Weber Zunftgeschmuck, mit Seidenband und Silberdraht geziert, in dem K\u00e4stlein von Glas. Von ungef\u00e4hr erblickte sie ihr eigen Bild im Spiegel, davor blieb sie betroffen und erstockt eine ganze Weile stehn, und als darauf die S\u00f6hnerin sie mit in ihre Stube nahm und ihr ein neues Spiegelein, drei Groschen wert, verehrte, da meinte sie Wunders zu haben; denn unter allen ihren Sch\u00e4tzen fand sich dergleichen nicht.<\/p>\n<p>Bevor sie aber Abschied nahm, geschah&#8217;s, da\u00df sie hinter den Vorhang des Alkoven schaute, woselbst der jungen Frau und ihres Mannes Bett sowie der Kinder Schlafst\u00e4tte war. Sa\u00df da ein Enkelein mit rotgeschlafenen Backen, hemdig und einen Apfel in der Hand, auf einem runden St\u00fchlchen von guter Ulmer Hafnerarbeit, gr\u00fcnverglaset. Das wollte dem Gast au\u00dfer Ma\u00dfen gefallen; sie nannte es einen viel zierlichen Sitz, r\u00fcmpft&#8216; aber die Nase mit eins, und da die drei Frauen sich wandten zu lachen, vermerkte sie etwas und fing auch hell zu lachen an, und hielt sich die ehrliche Wirtin den Bauch, indem sie sprach: \u201eDiesmal f\u00fcrwahr hat es gegolten, und Gott schenk&#8216; Euch so einen frischen Buben, als mein Hans da ist!\u201c<\/p>\n<p>Die Nacht darauf, da\u00df sich dies zugetragen, legte sich die sch\u00f6ne Lau getrost und wohlgemut, wie schon in langen Jahren nicht, im Grund des Blautopfs nieder, schlief gleich ein, und bald erschien ihr ein n\u00e4rrischer Traum.<\/p>\n<p>Ihr deuchte da, es war die Stunde nach Mittag, wo in der hei\u00dfen Jahreszeit die Leute auf der Wiese sind und m\u00e4hen, die M\u00f6nche aber sich in ihren k\u00fchlen Zellen eine Ruhe machen, daher es noch einmal so still im ganzen Kloster und rings um seine Mauern war. Es stund jedoch nicht lange an, so kam der Abt herausspaziert und sah, ob nicht etwa die Wirtin in ihrem Garten sei. Dieselbe aber sa\u00df als eine dicke Wasserfrau mit langen Haaren in dem Topf, allwo der Abt sie bald entdeckte, sie begr\u00fc\u00dfte und ihr einen Ku\u00df gab, so<\/p>\n<p>m\u00e4chtig, da\u00df es vom Klostert\u00fcrmlein widerschallte, und schallte es der Turm ans Refektorium, das sagt&#8216; es der Kirche, und die sagt&#8217;s dem Pferdstall, und der sagt&#8217;s dem Fischhaus, und das sagt&#8217;s dem Waschhaus, und im Waschhaus, da riefen&#8217;s die Zuber und K\u00fcbel sich zu. Der Abt erschrak bei solchem L\u00e4rm; ihm war, wie er sich nach der Wirtin b\u00fcckte, sein K\u00e4pplein in Blautopf gefallen; sie gab es ihm geschwind, und er watschelte hurtig davon.<\/p>\n<p>Da aber kam aus dem Kloster heraus unser Herrgott, zu sehn, was es gebe. Er hatte einen langen wei\u00dfen Bart und einen roten Rock. Und frug den Abt, der ihm just in die H\u00e4nde lief:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eHerr Abt, wie ward Euer K\u00e4pplein so na\u00df?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Und er antwortete:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eEs ist mir ein Wildschwein am Wald verkommen,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">vor dem hab&#8216; ich Rei\u00dfaus genommen;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">ich rannte sehr und schwitzet&#8216; ba\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Davon ward wohl mein K\u00e4pplein so na\u00df.\u201c<\/p>\n<p>Da hob unser Herrgott, unwirs ob der L\u00fcge, seinen Finger auf, winkt&#8216; ihm und ging voran, dem Kloster zu. Der Abt sah hehlings noch einmal nach der Frau Wirtin um, und diese rief: \u201eAch liebe Zeit, ach liebe Zeit, jetzt kommt der gut&#8216; alt&#8216; Herr in die Prison!\u201c<\/p>\n<p>Dies war der sch\u00f6nen Lau ihr Traum. Sie wu\u00dfte aber beim Erwachen und sp\u00fcrte noch an ihrem Herzen, da\u00df sie im Schlaf sehr lachte, und ihr h\u00fcpfte noch wachend die Brust, da\u00df der Blautopf oben Ringlein schlug.<\/p>\n<p>Weil es den Tag zuvor sehr schw\u00fcl gewesen, so blitzte es jetzt in der Nacht. Der Schein erhellte den Blautopf ganz, auch sp\u00fcrte sie am Boden, es donnere weitweg. So blieb sie mit zufriedenem Gem\u00fcte noch eine Weile ruhen, den Kopf in ihre Hand gest\u00fctzt, und sah dem Wetterblicken zu. Nun stieg sie auf, zu wissen, ob der Morgen etwa komme; allein es war noch nicht viel \u00fcber Mitternacht.<\/p>\n<p>Der Mond stand glatt und sch\u00f6n \u00fcber dem Rusenschlo\u00df, die L\u00fcfte aber waren voll vom W\u00fcrzgeruch der Mahden.<\/p>\n<p>Sie meinte fast die Geduld nicht zu haben bis an die Stunde, wo sie im Nonnenhof ihr neues Gl\u00fcck verk\u00fcnden durfte, ja wenig fehlte, da\u00df sie sich jetzt nicht mitten in der Nacht aufmachte und vor Juttas T\u00fcre kam (wie sie nur einmal, Trostes wegen, in \u00fcbergro\u00dfem Jammer nach der j\u00fcngsten Botschaft aus der Heimat tat), doch sie besann sich anders und ging zu besserer Zeit.<\/p>\n<p>Frau Betha h\u00f6rte ihren Traum gutm\u00fctig an, obwohl er ihr ein wenig ehrenr\u00fchrig schien. Bedenklich aber sagte sie darauf: \u201eBaut nicht auf solches Lachen, das im Schlaf geschah; der Teufel ist ein Schelm. Wenn Ihr auf solches Trugwerk hin die Boten mit fr\u00f6hlicher Zeitung entlie\u00dfet und die Zukunft strafte Euch L\u00fcgen, es k\u00f6nnte schlimm daheim ergehen.\u201c<\/p>\n<p>Auf diese ihre Rede hing die sch\u00f6ne Lau den Mund gar sehr und sagte: \u201eFrau Ahne hat der<\/p>\n<p>Traum verdrossen!\u201c \u2014 nahm kleinlauten Abschied und tauchte hinunter.<\/p>\n<p>Es war nah bei Mittag, da rief der Pater Schaffner im Kloster dem Bruder Kellermeister eifrig zu: \u201eIch merk&#8216;, es ist im Gumpen letz! die Arge will Euch Eure Fa\u00df wohl wieder einmal schwimmen lehren. Tut Eure L\u00e4den eilig zu, vermachet alles wohl!\u201c<\/p>\n<p>Nun aber war des Klosters Koch, der Wirtin Sohn, ein lustiger Vogel, welchen die Lau wohl leiden mochte. Der dachte ihren J\u00e4st<sup>4)<\/sup> mit einem Schnak zu stillen, lief nach seiner Kammer, zog die Bettscher&#8216; aus der Lagerst\u00e4tte und steckte sie am Blautopf in den Rasen, wo das Wasser auszutreten pflegte, und stellte sich mit Worten und Geb\u00e4rden als einen vielgetreuen Diener an, der m\u00e4chtig \u00c4ngsten h\u00e4tte, da\u00df seine Herrschaft aus dem Bette fallen und etwa Schaden nehmen m\u00f6chte. Da sie<\/p>\n<p>nun sah das Holz so recht mit Flei\u00df gesteckt und \u00fcber das B\u00e4chlein gespreizt, kam ihr in ihrem Zorn das Lachen an, und lachte \u00fcberlaut, da\u00df man&#8217;s im Klostergarten h\u00f6rte.<\/p>\n<p>Als sie hierauf am Abend zu den Frauen kam, da wu\u00dften sie es schon vom Koch und w\u00fcnschten ihr mit tausend Freuden Gl\u00fcck. Die Wirtin sagte: \u201eDer Xaver ist von Kindesbeinen an gewesen als wie der Zuberklaus, jetzt kommt uns seine Torheit zustatten.\u201c<\/p>\n<p>Nun aber ging ein Monat nach dem andern herum, es wollte sich zum dritten- oder viertenmal nicht wieder schicken. Martini war vorbei, noch wenig Wochen, und die Boten standen wieder vor der T\u00fcr. Da ward es den guten Wirtsleuten selbst bang, ob heuer noch etwas zustande k\u00e4me, und alle hatten nur zu tr\u00f6sten an der Frau. Je gr\u00f6\u00dfer deren Angst, je weniger zu hoffen war.<\/p>\n<p>Damit sie ihres Kummers eher vergesse, lud ihr Frau Betha einen Lichtkarz ein, da nach dem<\/p>\n<p>Abendessen ein halb Dutzend muntre Dirnen und Weiber aus der Verwandtschaft in einer abgelegenen Stube mit ihren Kunkeln sich zusammensetzten. Die Lau kam alle Abend in Juttas altem Rock und Kittel und lie\u00df sich weit vom warmen Ofen weg in einem Winkel auf den Boden nieder und h\u00f6rte dem Geplauder zu, von Anfang als ein stummer Gast, ward aber bald zutraulich und bekannt mit allen. Um ihretwillen machte sich Frau Betha eines Abends ein Gesch\u00e4ft daraus, ihr Weihnachtskripplein f\u00fcr die Enkel beizeiten herzurichten: die Mutter Gottes mit dem Kind im Stall, bei ihr die drei Weisen aus Morgenland, ein jeder mit seinem Kamel, darauf er hergereist kam und seine Gaben brachte. Dies alles aufzuputzen und zu leimen, was etwa lotter war, sa\u00df die Frau Wirtin an dem Tisch beim Licht mit ihrer Brille, und die Wasserfrau mit h\u00f6chlichem Erg\u00f6tzen sah ihr zu, sowie sie auch gerne vernahm, was ihr von heiligen Geschichten dabei gesagt wurde, doch<\/p>\n<p>nicht, da\u00df sie dieselben dem rechten Verstand nach begriff oder zu Herzen nahm, wie gern auch die Wirtin es wollte.<\/p>\n<p>Frau Betha wu\u00dfte ferner viel lehrreicher Fabeln und Denkreime, auch spitzweise Fragen und R\u00e4tsel; die gab sie nacheinander auf zu raten, weil sonderlich die Wasserfrau von Hause aus dergleichen liebte und immer gar zufrieden schien, wenn sie es ein und das andre Mal traf (das doch nicht<\/p>\n<p>allzu leicht geriet). Eines derselben gefiel ihr vor allen, und was damit gemeint ist, nannte sie ohne Besinnen:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eIch bin eine d\u00fcrre K\u00f6nigin,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">trag&#8216; auf dem Haupt eine zierliche Kron&#8216;,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">und die mir dienen mit treuem Sinn,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">die haben gro\u00dfen Lohn.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eMeine Frauen m\u00fcssen mich sch\u00f6n frisiern,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">erz\u00e4hlen mir M\u00e4rlein ohne Zahl,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">sie lassen kein einzig Haar an mir,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">doch siehst du mich nimmer kahl.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eSpazieren fahr&#8216; ich frank und frei,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">das geht so rasch, das geht so fein;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">nur komm&#8216; ich nicht vom Platz dabei \u2014<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">sagt, Leute, was mag das sein?\u201c<\/p>\n<p>Dar\u00fcber sagte sie, in etwas fr\u00f6hlicher denn zuvor: \u201eWenn ich dereinstens wiederum in meiner Heimat bin und kommt einmal ein schw\u00e4bisch Landeskind, zumal aus eurer Stadt, auf einer Kriegsfahrt oder sonst durch der Walachen Land an unsere Gestade, so ruf&#8216; er mich bei Namen,<\/p>\n<p>dort wo der Strom am breitesten hineingeht in das Meer \u2014 versteht, zehn Meilen einw\u00e4rts in dieselbe See erstreckt sich meines Mannes Reich, soweit das s\u00fc\u00dfe Wasser sie mit seiner Farbe f\u00e4rbt \u2014, dann will ich kommen und dem Fremdling zu Rat und Hilfe sein. Damit er aber sicher sei, ob ich es bin und keine andere, die ihm schaden m\u00f6chte, so stelle er dies R\u00e4tsel. Niemand aus unserem Geschlechte au\u00dfer mir wird ihm darauf antworten, denn dortzuland sind solche Rocken und R\u00e4dlein, als ihr in Schwaben f\u00fchret, nicht gesehn, noch kennen sie dort eure Sprache; darum mag dies die Losung sein.\u201c<\/p>\n<p>Auf einen andern Abend ward erz\u00e4hlt vom Doktor Veylland und Herrn Konrad von Wirtemberg, dem alten Gaugrafen, in dessen Tagen es noch keine Stadt mit Namen Stuttgart gab. Im Wiesental, da wo dieselbe sich nachmals erhob, stund nur ein stattliches Schlo\u00df mit Wassergraben und Zugbr\u00fccke, von Bruno, dem Domherrn von Speyer, Konradens Oheim, erbaut, und nicht gar<\/p>\n<p>weit davon ein hohes steinernes Haus. In diesem wohnte dazumal mit einem alten Diener ganz allein ein sonderlicher Mann, der war in nat\u00fcrlicher Kunst und in Arzneikunst sehr gelehrt und war mit seinem Herrn, dem Grafen, weit in der Welt herumgereist, in hei\u00dfen L\u00e4ndern, von wo er manche Seltsamkeit an Tieren, vielerlei Gew\u00e4chsen und Meerwundern heraus nach Schwaben brachte. In seinem \u00d6hrn sah man der fremden Sachen eine Menge an den W\u00e4nden herum hangen: die Haut vom Krokodil sowie Schlangen und fliegende Fische. Fast alle Wochen kam der Graf einmal zu ihm; mit andern Leuten pflegte er wenig Gemeinschaft. Man wollte behaupten, er mache Gold; gewi\u00df ist, da\u00df er sich unsichtbar machen konnte, denn er verwahrte unter seinem Kram einen Krackenfischzahn. Einst n\u00e4mlich, als er auf dem Roten Meer das Bleilot niederlie\u00df, die Tiefe zu erforschen, da zockt&#8216; es unterm Wasser, da\u00df das Tau fast ri\u00df. Es hatte sich ein Krackenfisch im Lot verbissen und<\/p>\n<p>zween seiner Z\u00e4hne darinne gelassen. Sie sind wie eine Schustersahle spitz und gl\u00e4nzend schwarz. Der eine stak sehr fest, der andre lie\u00df sich leicht ausziehen. Da nun ein solcher Zahn, etwa in Silber oder Gold gefa\u00dft und bei sich getragen, besagte hohe Kraft besitzt und zu den gr\u00f6\u00dften G\u00fctern, so man f\u00fcr Geld nicht haben kann, geh\u00f6rt, der Doktor aber daf\u00fcr hielt, es zieme eine solche Gabe niemand besser als einem weisen und wohldenkenden Gebieter, damit er \u00fcberall, in seinen eigenen und Feindes Landen, sein Ohr und Auge habe, so gab er einen dieser Z\u00e4hne seinem Grafen, wie er ja ohnedem wohl schuldig war, mit Anzeigung von dessen Heimlichkeit, davon der Herr nichts wu\u00dfte. Von diesem Tage an erzeigte sich der Graf dem Doktor gn\u00e4diger als allen seinen Edelleuten oder R\u00e4ten und hielt ihn recht als seinen lieben Freund, lie\u00df ihm auch gern und sonder Neid das Lot zu eigen, darin der andere Zahn war, doch unter dem Gel\u00f6bnis, sich dessen<\/p>\n<p>ohne Not nicht zu bedienen, auch ihn vor seinem Ableben entweder ihm, dem Grafen, erblich zu verlassen oder auf alle Weise der Welt zu entr\u00fccken, wo nicht ihn g\u00e4nzlich zu vertilgen. Der edle Graf starb aber um zwei Jahre eher als der Veylland und hinterlie\u00df das Kleinod seinen S\u00f6hnen nicht; man glaubt, aus Gottesfurcht und weisem Vorbedacht hab&#8216; er&#8217;s mit in das Grab genommen oder sonst verborgen.<\/p>\n<p>Wie nun der Doktor auch am Sterben lag, so rief er seinen treuen Diener Kurt zu ihm ans Bett und sagte: \u201eLieber Kurt! Es gehet diese Nacht mit mir zu Ende, so will ich dir noch deine guten Dienste danken und etliche Dinge befehlen. Dort bei den B\u00fcchern, in dem Fach zu unterst in der Ecke, ist ein Beutel mit hundert Imperialen, den nimm sogleich zu dir; du wirst auf Lebenszeit genug daran haben. Zum zweiten, das alte geschriebene Buch in dem K\u00e4stlein daselbst verbrenne jetzt vor meinen Augen hier in dem Kamin. Zum<\/p>\n<p>dritten findest du ein Bleilot dort, das nimm, verbirg&#8217;s bei deinen Sachen, und wenn du aus dem Hause gehst in deine Heimat, gen Blaubeuren, la\u00df es dein erstes sein, da\u00df du es in den Blautopf wirfst.\u201c \u2014 Hiermit war er darauf bedacht, da\u00df es, ohne Gottes besondere F\u00fcgung, in ewigen Zeiten nicht in irgendeines Menschen H\u00e4nde komme. Denn damals hatte sich die Lau noch nie im Blautopf blicken lassen und hielt man selben \u00fcberdies f\u00fcr unergr\u00fcndlich.<\/p>\n<p>Nachdem der gute Diener jenes alles teils auf der Stelle ausgerichtet, teils versprochen, nahm er mit Tr\u00e4nen Abschied von dem Doktor, welcher vor Tage noch das Zeitliche gesegnete.<\/p>\n<p>Als nachher die Gerichtspersonen kamen und allen kleinen Quark aussuchten und versiegelten, da hatte Kurt das Bleilot zwar beiseit&#8216; gebracht, den Beutel aber nicht versteckt, denn er war keiner von den Schlauesten, und mu\u00dfte ihn da lassen, bekam auch nach der Hand nicht einen Deut davon zu sehen,<\/p>\n<p>kaum da\u00df die schn\u00f6den Erben ihm den Jahreslohn auszahlten.<\/p>\n<p>Solch Ungl\u00fcck ahnete ihm schon, als er, auch ohnedem betr\u00fcbt genug, mit seinem B\u00fcndelein in seiner Vaterstadt einzog. Jetzt dachte er an nichts, als seines Herrn Befehl vor allen Dingen zu vollziehen. Weil er seit dreiundzwanzig Jahren nimmer hier gewesen, so kannte er die Leute nicht, die ihm begegneten, und da er gleichwohl einem und dem andern Guten Abend sagte, gab&#8217;s ihm niemand zur\u00fcck. Die Leute schauten sich, wenn er vor\u00fcberkam, verwundert an den H\u00e4usern um, wer doch da gegr\u00fc\u00dft haben m\u00f6chte, denn keines erblickte den Mann. Dies kam, weil ihm das Lot in seinem B\u00fcndel auf der linken Seite hing; ein andermal, wenn er es rechts trug, war er von allen gesehen. Er aber sprach f\u00fcr sich: \u201eZu meiner Zeit sind dia Blaubeuramar so grob ett gw\u00e4<sup>5)<\/sup>.\u201c<\/p>\n<p>Vom Blautopf fand er seinen Vetter, den Seilermeister,<\/p>\n<p>mit dem Jungen am Gesch\u00e4ft, indem er l\u00e4ngs der Klostermauer, r\u00fcckw\u00e4rts gehend, Werg aus seiner Sch\u00fcrze spann, und weiterhin der Knabe trillte die Schnur mit dem Rad. \u2014 \u201eGott gr\u00fca\u00df di Vetter Seiler!\u201c rief der Kurt und klopft&#8216; ihm auf die Achsel. Der Meister guckt sich um, verbla\u00dft, l\u00e4\u00dft seine Arbeit aus den H\u00e4nden fallen und lauft, was seine Beine m\u00f6gen. Da lachte der andere, sprechend: \u201eDer denkt, mei&#8216; Seel, i wandele geistweis! D&#8217;Leut hant g&#8217;wi\u00df mi f\u00fcr tot hia g&#8217;sagt, anstatt mein&#8216; Herra \u2014 ei so schlag!\u201c<\/p>\n<p>Jetzt ging er zu dem Teich, kn\u00fcpfte sein B\u00fcndel auf und zog das Lot heraus. Da fiel ihm ein, er m\u00f6chte doch auch wissen, ob es wahr sei, da\u00df der Gumpen keinen Grund noch Boden habe (er w\u00e4r&#8216; gern auch ein wenig so ein Spiriguckes wie sein Herr gewesen), und weil er vorhin in des Seilers Korb drei gro\u00dfe starke Schn\u00fcrbund liegen sehn, so holte er dieselben her und band das Lot an einen. Es lagen just auch frischgebohrte<\/p>\n<p>Teichel<sup>6)<\/sup>, eine schwere Menge, in dem Wasser bis gegen die Mitte des Topfs, darauf er sicher Posto fassen konnte, und also lie\u00df er das Gewicht hinunter, indem er immer ein St\u00fcck Schnur an seinem ausgestreckten Arm abma\u00df, drei solcher L\u00e4ngen auf ein Klafter rechnete und laut abz\u00e4hlte: \u201e\u2014 1 Klafter, 2 Klafter, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10\u201c; \u2014 da ging der erste Schnurbund aus und mu\u00dfte er den zweiten an das Ende kn\u00fcpfen, ma\u00df wiederum ab und z\u00e4hlte bis auf 20. Da war der andere Schnurbund gar. \u2014 \u201eHeidaguguk, ist dees a Tiafe!\u201c \u2014 und band den dritten an das Trumm, fuhr fort zu z\u00e4hlen: \u201e21, 22, 23, 24 \u2014 H\u00f6ll-Element, mei&#8216; Arm will nimme! \u2014 25, 26, 27, 28, 29, 30 \u2014 Jetzet guat Nacht, &#8217;s Me\u00df hot a End! Do hei\u00dft&#8217;s halt, mir nex, dir nex, rappede kappede, so isch usganga!\u201c \u2014 Er schlang die Schnur, bevor er aufzog, um das Holz, darauf er stand, ein wenig\u00a0zu verschnaufen, und urteilte bei sich: der Topf ist w\u00e4hrle bodalaus.<\/p>\n<p>Indem der Spinnerinnen eine diesen Schwank erz\u00e4hlte, tat die Wirtin einen schlauen Blick zur Lau hin\u00fcber, welche l\u00e4chelte; denn freilich wu\u00dfte sie am besten, wie es gegangen war mit dieser Messerei; doch sagten beide nichts. Dem Leser aber soll es unverhalten sein.<\/p>\n<p>Die sch\u00f6ne Lau lag jenen Nachmittag auf dem Sand in der Tiefe, und, ihr zu F\u00fc\u00dfen, eine Kammerjungfer, Aleila, welche ihr die liebste war, beschnitte ihr in guter Ruh die Zehen mit einer goldenen Schere, wie von Zeit zu Zeit geschah.<\/p>\n<p>Da kam hernieder langsam aus der klaren H\u00f6h&#8216; ein schwarzes Ding, als wie ein Kegel, des sich im Anfang beide sehr verwunderten, bis sie erkannten, was es sei. Wie nun das Lot mit neunzig Schuh den Boden r\u00fchrte, da ergriff die scherzlustige Zofe die Schnur und zog gemach mit beiden H\u00e4nden, zog und zog, so lang&#8216;, bis sie nicht mehr nachgab. Alsdann nahm sie geschwind die Schere und schnitt das Lot hinweg, erlangte einen dicken Zwiebel,<\/p>\n<p>der war erst gestern in den Topf gefallen und war fast eines Kinderkopfes gro\u00df, und band ihn bei dem gr\u00fcnen Schossen an die Schnur, damit der Mann erstaune, ein ander Lot zu finden, als das er ausgeworfen. Derweile aber hatte die sch\u00f6ne Lau den Krackenzahn im Blei mit Freuden und Verwunderung entdeckt. Sie wu\u00dfte seine Kraft gar wohl, und ob zwar f\u00fcr sich selbst die Wasserweiber oder -m\u00e4nner nicht viel danach fragen, so g\u00f6nnen sie den Menschen doch so gro\u00dfen Vorteil nicht, zumalen sie das Meer und was sich darin findet von Anbeginn als ihren Pacht und Lehn ansprechen. Deswegen denn die sch\u00f6ne Lau mit dieser ungef\u00e4hren Beute sich dereinst, wenn sie zu Hause k\u00e4me, beim alten Nix, ihrem Gemahl, Lobs zu erholen hoffte. Doch wollte sie den Mann, der oben stund, nicht lassen ohn&#8216; Entgelt, nahm also alles, was sie eben auf dem Leibe hatte, n\u00e4mlich die sch\u00f6ne Perlenschnur an ihrem Hals, schlang selbe um den gro\u00dfen Zwiebel, gerade als er sich nunmehr erhob;<\/p>\n<p>und daran war es nicht genug: sie hing zuteuerst auch die goldene Schere noch daran und sah mit hellem Aug&#8216;, wie das Gewicht hinaufgezogen ward. Die Zofe aber, neubegierig, wie sich das Menschenkind dabei geb\u00e4rde, stieg hinter dem Lot in die H\u00f6he und weidete sich zwo Spannen unterhalb dem Spiegel an des Alten Schreck und Verwirrung. Zuletzt fuhr sie mit ihren beiden aufgehobenen H\u00e4nden ein maler viere in der Luft herum, die wei\u00dfen Finger als zu einem F\u00e4cher oder Wadel ausgespreizt. Es waren aber schon zuvor auf des Vetters Seilers Geschrei viel Leute aus der Stadt herausgekommen, die standen um den Blautopf her und sahn dem Abenteuer zu, bis wo die grausigen H\u00e4nde erschienen; da stob mit eins die Menge voneinander und entrann.<\/p>\n<p>Der alte Diener aber war von Stund an irrsch im Kopf ganzer sieben Tage und sah der Lau ihre Geschenke gar nicht an, sondern sa\u00df da, bei seinem Vetter, hinterm Ofen, und sprach des Tags wohl hundertmal ein altes Spr\u00fcchlein vor sich hin, von<\/p>\n<p>welchem kein Gelehrter in ganz Schwabenland Bescheid zu geben wei\u00df, woher und wie oder wann erstmals es unter die Leute gekommen. Denn von ihm selber hatte es der Alte nicht; man gab es lang vor seiner Zeit, gleichwie noch heutigestags, den Kindern scherzweis auf, wer es ganz hurtig nacheinander ohne Tadel am \u00f6ftesten hersagen k\u00f6nne; und lauten die Worte:<\/p>\n<p>\u201e&#8217;s leit a Kl\u00f6tzle Blei glei bei Blaubeura,<\/p>\n<p>glei bei Blaubeura leit a Kl\u00f6tzle Blei.\u201c<\/p>\n<p>Die Wirtin nannt&#8216; es einen rechten Leirenbendel und sagte: \u201eWer h\u00e4tte auch den mindesten Verstand da drin gesucht, geschweige eine Prophezeiung!\u201c<\/p>\n<p>Als endlich der Kurt mit dem siebenten Morgen seine gute Besinnung wiederfand und ihm der Vetter die kostbaren Sachen darwies, so sein rechtliches Eigentum w\u00e4ren, da schmunzelte er doch, tat sie in sicheren Verschlu\u00df und ging mit des Seilers<sup>7)<\/sup><\/p>\n<p>zu Rat, was damit anzufangen. Sie achteten alle f\u00fcrs beste, er reise mit Perlen und Schere gen Stuttgart, wo eben Graf Ludwig sein Hoflager hatte, und biete sie demselben an zum Kauf. So tat er denn. Der hohe Herr war auch nicht karg und gleich bereit, so seltene Zier nach Sch\u00e4tzung eines Meisters f\u00fcr seine Frau zu nehmen; nur als er von dem Alten h\u00f6rte, wie er dazu gekommen, fuhr er auf und drehte sich voll \u00c4rger auf dem Absatz um, da\u00df ihm der Wunderzahn verloren sei. Ihm war vordem etwas von diesem kund geworden, und hatte er dem Doktor, bald nach Herrn Konrads Hintritt, seines Vaters, sehr darum angelegen, doch umsonst.<\/p>\n<p>Dies war nun die Geschichte, davon die Spinnerinnen damals plauderten. Doch ihnen war das Beste daran unbekannt. Eine Gevatterin, so auch mit ihrer Kunkel unter ihnen sa\u00df, h\u00e4tte noch gar gern geh\u00f6rt, ob wohl die sch\u00f6ne Lau das Lot noch habe, auch was sie damit tue, und red&#8217;te so von<\/p>\n<p>weitem darauf hin; da gab Frau Betha ihr nach ihrer Weise einen kleinen Stich und sprach zur Lau: \u201eJa, gelt, jetzt macht Ihr Euch bisweilen unsichtbar, geht herum in den H\u00e4usern und guckt den Weibern in die T\u00f6pfe, was sie zu Mittag kochen? Eine sch\u00f6ne Sach&#8216; um so ein Lot f\u00fcr f\u00fcrwitzige Leute!\u201c<\/p>\n<p>Inmittelst fing der Dirnen eine an, halblaut das n\u00e4rrische Gesetzlein herzusagen; die andern taten ein gleiches, und jede wollt&#8216; es besser k\u00f6nnen, und keine brachte es zum dritten oder viertenmal glatt aus dem Mund; dadurch gab es viel Lachen. Zum letzten mu\u00dfte es die sch\u00f6ne Lau probieren, die Jutte lie\u00df ihr keine Ruh&#8216;. Sie wurde rot bis an die Schl\u00e4fe, doch hub sie an und kl\u00fcglicherweise gar langsam:<\/p>\n<p>\u201e&#8217;s leit a Kl\u00f6tzle Blei glei bei Blaubeuren.\u201c<\/p>\n<p>Die Wirtin rief ihr zu, so sei es keine Kunst, es m\u00fcsse gehen wie geschmiert! Da nahm sie ihren<\/p>\n<p>Anlauf frisch hinweg, kam auch alsbald vom Pfad ins Stoppelfeld, fuhr bunt\u00fcberecks und wu\u00dfte nimmer gicks noch gacks. Jetzt, wie man denken kann, gab es Gel\u00e4chter einer Stuben voll, das h\u00e4ttet ihr nur h\u00f6ren sollen, und mitten draus hervor der sch\u00f6nen Lau ihr Lachen, so hell wie ihre Z\u00e4hne, die man alle sah!<\/p>\n<p>Doch unversehens, mitten in dieser Fr\u00f6hlichkeit und Lust, begab sich ein m\u00e4chtiges Schrecken.<\/p>\n<p>Der Sohn vom Haus, der Wirt, \u2014 er kam gerade mit dem Wagen heim von Sonderbuch und fand die Knechte verschlafen im Stall \u2014 sprang hastig die Stiege herauf, rief seine Mutter vor die T\u00fcr und sagte, da\u00df es alle h\u00f6ren konnten: \u201eUm Gottes willen, schickt die Lau nach Haus! H\u00f6rt Ihr denn nicht im St\u00e4dtlein den L\u00e4rm? Der Blautopf leert sich aus, die untere Gasse ist schon unter Wasser, und in dem Berg am Gumpen ist ein Get\u00f6s und Rollen, als wenn die S\u00fcndflut k\u00e4me!\u201c Indem er noch so sprach, tat innen die<\/p>\n<p>Lau einen Schrei: \u201eDas ist der K\u00f6nig, mein Gemahl, und ich bin nicht daheim!\u201c \u2014 Hiermit fiel sie von ihrem Stuhl sinnlos zu Boden, da\u00df die Stube zitterte. Der Sohn war wieder fort, die Spinnerinnen liefen jammernd heim mit ihren Rocken, die andern aber wu\u00dften nicht, was anzufangen mit der armen Lau, welche wie tot da lag. Eins machte ihr die Kleider auf, ein anderes strich sie an, das dritte ri\u00df die Fenster auf, und schafften doch alle miteinander nichts.<\/p>\n<p>Da streckte unverhofft der lustige Koch den Kopf zur T\u00fcr herein, sprechend: \u201eIch hab&#8216; mir&#8217;s eingebildet, sie w\u00e4r&#8216; bei euch! Doch, wie ich sehe, geht&#8217;s nicht allzu lustig her. Macht, da\u00df die Ente in das Wasser kommt, so wird sie schwimmen!\u201c \u2014 \u201eDu hast gut reden!\u201c sprach die Mutter mit Beben; \u201ehat man sie auch im Keller und im Brunnen, kann sie sich unten nicht den Hals abst\u00fcrzen im Gekl\u00fcft?\u201c \u2014 \u201eWas Keller!\u201c rief der Sohn: \u201ewas Brunnen! das geht ja freilich nicht \u2014 la\u00dft mich<\/p>\n<p>nur machen! Not kennt kein Gebot \u2014 ich trag&#8216; sie in den Blautopf.\u201c Und damit nahm er, als ein starker Kerl, die Wasserfrau auf seine Arme. \u201eKomm, Jutta \u2014 nicht heulen! \u2014 geh mir voran mit der Latern&#8216;!\u201c \u2014 \u201eIn Gottes Namen!\u201c sagte die Wirtin; \u201edoch nehmt den Weg hinten herum durch die G\u00e4rten: es wimmelt die Stra\u00dfe mit Leuten und Lichtern.\u201c \u2014 \u201eDer Fisch hat sein Gewicht!\u201c sprach er im Gehn, schritt aber festen Tritts die Stiege hinunter, dann \u00fcber den Hof und links und rechts, zwischen Hecken und Z\u00e4unen hindurch.<\/p>\n<p>Am Gumpen fanden sie das Wasser schon merklich gefallen, gewahrten aber nicht, wie die drei Zofen, mit den K\u00f6pfen dicht unter dem Spiegel, \u00e4ngstig hin und wieder schwammen, nach ihrer Frau ausschauend. Das M\u00e4dchen stellte die Laterne hin, der Koch entledigte sich seiner Last, indem er sie behutsam mit dem R\u00fccken an den K\u00fcrbish\u00fcgel lehnte. Da raunte ihm sein eigener Schalk ins Ohr: wenn du sie k\u00fc\u00dftest, freute dich&#8217;s dein Leben lang, und k\u00f6nntest du doch sagen, du habest einmal<\/p>\n<p>eine Wasserfrau gek\u00fc\u00dft. \u2014 Und eh&#8216; er es recht dachte, war&#8217;s geschehen. Da l\u00f6schte ein Schluck Wasser aus dem Topf das Licht urpl\u00f6tzlich aus,<\/p>\n<p>da\u00df es stichdunkel war umher, und tat es dann nicht anders, als wenn ein ganz halb Dutzend nasser H\u00e4nde auf ein paar kernige Backen fiel, und wo es sonst hintraf. Die Schwester rief: \u201eWas gibt es denn?\u201c \u2014 \u201eMaulschellen hei\u00dft man&#8217;s hier herum!\u201c sprach er; \u201eich h\u00e4tte nicht gedacht, da\u00df sie am Schwarzen Meer sottige Ding&#8216; auch kenneten!\u201c \u2014 Dies sagend, stahl er sich eilends davon, doch weil es vom Widerhall dr\u00fcben am Kloster auf Mauern und D\u00e4chern und W\u00e4nden mit Maulschellen brazzelte, stund er best\u00fcrzt, wu\u00dfte nicht recht wohin, denn er glaubte den Feind vorn und hinten. (Solch einer Witzung brauchte es, damit er sich des Mundes nicht ber\u00fchme, den er gek\u00fc\u00dft, unwissend zwar, da\u00df er es m\u00fcssen tun der sch\u00f6nen Lau zum Heil.)<\/p>\n<p>Inw\u00e4hrend diesem argen L\u00e4rm nun h\u00f6rte man die F\u00fcrstin in ihrem Ohnmachtschlaf so innig lachen, wie sie damals im Traum getan, wo sie den Abt sah springen. Der Koch vernahm es noch von weitem, und ob er&#8217;s schon auf sich zog und mit<\/p>\n<p>Grund, erkannte er doch gern daraus, da\u00df es nicht weiter Not mehr habe mit der Frau.<\/p>\n<p>Bald kam mit guter Zeitung auch die Jutte heim, die Kleider, den Rock und das Leibchen im Arm, welche die sch\u00f6ne Lau zum letztenmal heut&#8216; am Leibe gehabt. Von ihren Kammerjungfern, die sie am Topf in Beisein des M\u00e4dchens empfingen, erfuhr sie gleich zu ihrem gro\u00dfen Trost, der K\u00f6nig sei noch nicht gekommen, doch m\u00f6g&#8216; es nicht mehr lang anstehn, die gro\u00dfe Wasserstra\u00dfe sei schon angef\u00fcllt. Dies n\u00e4mlich war ein breiter hoher Felsenweg, tief unterhalb der menschlichen Wohnst\u00e4tten, sch\u00f6n grad und eben mitten durch den Berg gezogen, zwo Meilen lang von da bis an die Donau, wo des alten Nixen Schwester ihren F\u00fcrstensitz hatte. Derselben waren viele Fl\u00fcsse, B\u00e4che, Quellen dieses Gaus dienstbar; die schwellten, wenn das Aufgebot an sie erging, besagte Stra\u00dfe in gar kurzer Zeit so hoch mit ihren Wassern, da\u00df sie mit allem Seegetier, Meerrossen und Wagen<\/p>\n<p>f\u00fcglich befahren werden mochte, welches bei festlicher Gelegenheit zuweilen als ein sch\u00f6nes Schaugepr\u00e4ng&#8216; mit vielen Fackeln und Musik von H\u00f6rnern und Pauken geschah.<\/p>\n<p>Die Zofen eilten jetzo sehr mit ihrer Herrin in das Putzgemach, um sie zu salben, z\u00f6pfen und k\u00f6stlich anzuziehen; das sie auch gern zulie\u00df und selbst mithalf, denn sie in ihrem Innern f\u00fchlte, es sei nun jegliches erf\u00fcllt zusamt dem F\u00fcnften, so der alte Nix und sie nicht wissen durfte.<\/p>\n<p>Drei Stunden wohl, nachdem der W\u00e4chter Mitternacht gerufen, es schlief im Nonnenhof schon alles, erscholl die Kellerglocke zweimal m\u00e4chtig, zum Zeichen, da\u00df es Eile habe, und hurtig waren auch die Frauen und die T\u00f6chter auf dem Platz.<\/p>\n<p>Die Lau begr\u00fc\u00dfte sie wie sonst vom Brunnen aus, nur war ihr Gesicht von der Freude versch\u00f6nt, und ihre Augen gl\u00e4nzten, wie man es nie an ihr gesehen. Sie sprach: \u201eWi\u00dft, da\u00df mein Ehgemahl um Mitternacht gekommen ist. Die Schwieger hat<\/p>\n<p>es ihm voraus verk\u00fcndigt ohnel\u00e4ngst, da\u00df sich in dieser Nacht mein gutes Gl\u00fcck vollenden soll, darauf er ohne S\u00e4umen auszog, mit Geleit der<\/p>\n<p>F\u00fcrsten, seinem Ohm und meinem Bruder Synd und vielen Herren. Am Morgen reisen wir. Der K\u00f6nig ist mir hold und gn\u00e4dig, als hie\u00df&#8216; ich von heute an erst sein Gespons. Sie werden gleich vom Mahl aufstehn, sobald sie den Umtrunk gehalten. Ich schlich auf meine Kammer und hierher, noch meine Gastfreunde zu gr\u00fc\u00dfen und zu herzen. Ich sage Dank, Frau Ahne, liebe Jutta, Euch S\u00f6hnerin und J\u00fcngste dir. Gr\u00fc\u00dfet, die nicht zugegen sind, die M\u00e4nner und die M\u00e4gde. In jedem dritten Jahr wird euch Botschaft von mir; auch mag es wohl geschehn, da\u00df ich noch b\u00e4lder komme selber, da bring&#8216; ich mit auf diesen meinen Armen ein lebend Merkmal, da\u00df die Lau bei euch gelacht. Das wollen euch die Meinen allezeit gedenken, wie ich selbst. F\u00fcr jetzo, wisset, liebe Wirtin, ist mein Sinn, einen Segen zu stiften in dieses Haus f\u00fcr viele seiner G\u00e4ste. Oft habe ich vernommen, wie Ihr den armen wandernden Gesellen Gut&#8217;s getan mit freier Zehrung und Herberg&#8216;. Damit Ihr solchen fortan m\u00f6gt noch eine weitere Handreichung tun,<\/p>\n<p>so werdet Ihr zu diesem Ende finden beim Brunnen hier einen steinernen Krug voll guter Silbergroschen: davon teilt ihnen nach Gutd\u00fcnken mit, und will ich das Gef\u00e4\u00df, bevor der letzte Pfennig ausgegeben, wieder f\u00fcllen. Zudem will ich noch stiften auf alle hundert Jahr f\u00fcnf Gl\u00fcckstage (denn dies ist meine holde Zahl), mit unterschiedlichen Geschenken, also, da\u00df, wer von reisenden Gesellen der erste \u00fcber Eure Schwelle tritt am Tag, der mir das erste Lachen brachte, der soll empfangen, aus Eurer oder Eurer Kinder Hand, von f\u00fcnferlei St\u00fccken das Haupt. Ein jeder, so den Preis gewinnt, gelobe, nicht Ort noch Zeit dieser Bescherung zu verraten. Ihr findet aber solche Gaben jedesmal hier n\u00e4chst dem Brunnen. Die Stiftung wisset, mache ich f\u00fcr alle Zeit, solang&#8216; ein Glied von Eurem Stammen auf der Wirtschaft ist.\u201c<\/p>\n<p>Nach diesen Worten redete sie nochmals leise mit der Wirtin und sagte zuletzt: \u201eVergesset nicht das Lot! Der kleine Schuster soll es nimmermehr bekommen.\u201c \u2014 Da nahm sie nochmals Abschied<\/p>\n<p>und k\u00fc\u00dfte ein jedes. Die beiden Frauen und die M\u00e4dchen weinten sehr. Sie steckte Jutten einen Fingerreif mit gr\u00fcnem Schmelzwerk an und sprach dabei: \u201eAde, Jutta! Wir haben zusammen besondere Holdschaft gehabt, die m\u00fcsse fernerhin bestehen!\u201c \u2014 Nun tauchte sie hinunter, winkte und verschwand.<\/p>\n<p>In einer Nische hinter dem Brunnen fand sich richtig der Krug samt den verhei\u00dfnen Angebinden. Es war in der Mauer ein Loch mit eisernem T\u00fcrlein versehen, von dem man nie gewu\u00dft, wohin es f\u00fchre; das stand jetzt aufgeschlagen, und war daraus ersichtlich, da\u00df die Sachen durch dienstbare Hand auf diesem Weg seien hergebracht worden, deshalb auch alles wohl trocken verblieb. Es lag dabei: ein W\u00fcrfelbecher aus Drachenhaut, mit goldenen Buckeln beschlagen, ein Dolch mit kostbar eingelegtem Griff, ein elfenbeinen Weberschifflein, ein sch\u00f6nes Tuch von fremder Weberei und mehr dergleichen. Aparte aber lag ein Kochl\u00f6ffel aus<\/p>\n<p>Rosenholz mit langem Stiel, von oben herab fein gemalt und vergoldet, den war die Wirtin angewiesen, dem lustigen Koch zum Andenken zu geben. Auch keins der andern war vergessen.<\/p>\n<p>Frau Betha hielt bis an ihr Lebensende die Ordnung der guten Lau heilig, und ihre Nachkommen nicht minder. Da\u00df jene sich nachmals mit ihrem Kind im Nonnenhof zum Besuch eingefunden, davon zwar steht nichts in dem alten Buch, das diese Geschichten berichtet, doch mag ich es wohl glauben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Quelle:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.gutenberg.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.gutenberg.org<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">WEBcode #15112<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sage von der sch\u00f6nen Lau<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[82],"tags":[],"class_list":["post-10182","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-anekdoten-sagen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10182","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10182"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10182\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15384,"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10182\/revisions\/15384"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10182"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10182"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10182"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}