{"id":12609,"date":"2025-03-18T16:57:47","date_gmt":"2025-03-18T15:57:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/?p=12609"},"modified":"2025-12-05T10:25:48","modified_gmt":"2025-12-05T09:25:48","slug":"fluessiges-gold","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/?p=12609","title":{"rendered":"Fl\u00fcssiges Gold"},"content":{"rendered":"<p><em>Tradition &amp; Handwerk: Mostkrug \u2013 eine Besen-Wirtschaft als lebendiges Museum<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Die Alb ohne Apfelmost ist wie Winter ohne Schnee, wie ein Kaminofen ohne Holz. Most geh\u00f6rte schon immer zum Leben \u2013 fr\u00fcher weil\u00b4s billig war, heute aus Tradition.<!--more--><\/p>\n<p><strong><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-weight: normal;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-12612\" src=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Mostbesen3BFW2874.jpg\" alt=\"Mostbesen3BFW2874\" width=\"320\" height=\"213\" srcset=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Mostbesen3BFW2874.jpg 320w, https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Mostbesen3BFW2874-160x107.jpg 160w, https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Mostbesen3BFW2874-150x100.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 320px) 100vw, 320px\" \/><\/span><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Zehn Jahre ist es nun her. Thomas Dieterich trat das Erbe an. Sein Geburtshaus geh\u00f6rt jetzt ihm. Es war das Heim seines Vaters, seines Gro\u00dfvaters, seiner Tante Mina. Baujahr 1922, niedrige Decken, in jedem Zimmer steht ein Holzofen. Warmwasser \u2013 Fehlanzeige, vor dem Heizkessel an der Badewanne wartet ein Korb gef\u00fcllt mit staubtrockenem Buchenholz.<\/p>\n<p>Abrei\u00dfen, neu bauen? Verwandte und Bekannte waren sich einig. Doch die fast antiken Fenster hatten die Zeit \u00fcberdauert \u2013 Eiche ist hart. Dieterich erinnert sich, wie das Kondenswasser an eiskalten Wintertagen mit leisem Plitsch-Platsch die Auffangrinnen auf den Simsen f\u00fcllte. Er malte mit seinen kleinen Fingern Schneem\u00e4nner auf das feucht angelaufene Glas. Die Dielen \u2013 sie knarzen noch immer. Die Erinnerungen an die Kindertage des heute 57-j\u00e4hrigen Konditors, dann B\u00e4cker und zuletzt Automatisierungstechniker, der Strichcode-Leseger\u00e4te projektierte, hauchten dem Bauernhaus Nummer 9 der Kirchstra\u00dfe in Erkenbrechtsweiler neues Leben ein.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-12611\" src=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Mostbesen3BFW2847.jpg\" alt=\"Mostbesen3BFW2847\" width=\"320\" height=\"213\" srcset=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Mostbesen3BFW2847.jpg 320w, https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Mostbesen3BFW2847-160x107.jpg 160w, https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Mostbesen3BFW2847-150x100.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 320px) 100vw, 320px\" \/><\/p>\n<p>\u201ePl\u00f6tzlich ist der Gedanke wie vom Himmel gefallen\u201c, beschreibt der drahtige Lebensk\u00fcnstler seine Eingebung. Tage zuvor sinnierte er angestrengt, wie er das Haus erhalten k\u00f6nne. \u201eBesenwirtschaft\u201c, dieses eine Wort kritzelte Dieterich im Mai 2004 auf einen Notizzettel w\u00e4hrend der Fahrt zwischen zwei Gesch\u00e4ftsterminen. \u201eDiesen Papierschnipsel gibt es noch heute\u201c, freut sich der Besenwirt, genauso wie ihn der Geruch nach kaltem Terrazzo im Flur seines Gro\u00dfelternhauses noch immer empf\u00e4ngt. Das Fachwerk atmet. Die W\u00e4nde verstr\u00f6men den Duft von bald 100 Jahren harten Alblebens \u2013 Heu, Korn, Schwei\u00df im Angesicht des Arbeitsalltags seiner Gro\u00dfeltern. Das Wirken und Leben von Opa Karl Theodor \u00fcbrigens hinterlie\u00df nicht nur eine charakteristische Patina in den winzigen R\u00e4ume des heutigen \u201eMostkrug\u201c, sondern auch Spuren im ganzen Dorf: Dereinst lenkte er von 1945 bis 1954 als B\u00fcrgermeister die Geschicke der Gemeinde. Daneben verdingte er sich als Landwirt und Papierarbeiter bei Scheufelen im Lenninger Tal.<\/p>\n<p>\u201eJedes Mal, wenn ich die Haust\u00fcre \u00f6ffne, spielt mir die Nase immer denselben Streich. Es riecht etwas erdig, nach R\u00fcben\u201c, wundert sich Dieterich \u00fcber die Sinnest\u00e4uschung und schiebt nach: \u201eBestimmt weil ich schon als Kind dem Opa in der Landwirschaft half. \u201eNeu aber ist\u201c, schmunzelt der urige \u00c4lbler und genehmigt sich einen herzhaften Schluck aus dem goldgelben Glas, \u201edass es heute in meinem Bauernhaus etwas vergoren duftet.\u201c<\/p>\n<p>Zehn Jahre nun ist das Gekritzel auf omin\u00f6sem Notizpapier alt, aus dem gro\u00dfelterlichen Bauernhaus ist ein lebendiges Freilichtmuseum geworden. Die Kirchstra\u00dfe 9 z\u00e4hlt zu den ersten und auf der Alb nur wenigen Adressen in Sachen authentischer Gastronomie, abgesehen von den \u201eBesen\u201c im Lautertal und H\u00e4ringen.<\/p>\n<p>In Erkenbrechtsweiler auf 702 Meter H\u00f6he geben sich die G\u00e4ste zwischen Oktober und Februar die Klinke in die Hand. Dieterich ist stolz auf sein internationales Publikum. Im ersten Jahr kam die Firma Heller aus N\u00fcrtingen mit 20 Gesch\u00e4ftsm\u00e4nnern aus China zu ihm. \u201eDas war verr\u00fcckt\u201c, erinnert er sich. Sie wollten die Schlachtplatte nicht auf Tellern, sondern jeweils in einen gro\u00dfen Topf. Ein K\u00fcbel Blutwurst, einer mit Leberwurst, einer mit Siedfleisch. Und dazu feuriges Tabasco. \u201eAlso machte ich mich noch am selben Abend mit dem Auto auf die Suche nach dem scharfen Gew\u00fcrz\u201c, grinst Dieterich und f\u00fcgt gespielt nachsichtig hinzu: \u201eImmerhin verdanke ich den chinesischen G\u00e4sten meinen Einfall, die Speisekarte multilingual zu pr\u00e4sentieren \u2013 heute in zw\u00f6lf Sprachen.<\/p>\n<p>Solch Marketing-Finessen sprechen sich herum, auch dass man im \u201eMostkrug\u201c als Wandersmann mit dreckigem Schuhwerk einkehren kann. Den urschw\u00e4bischen Stil, Volkstum und Tradition bei Feiern und geschlossenen Gesellschaften bekommt man frei Haus dazu. Der Besen bewirtet bis zu 65 Mostliebhaber in der Albgartenwirtschaft und in den Zimmern des Hauses. Nein, nicht in irgendwelchen R\u00e4umen, sondern im \u201eSofazimmer, in der Schlafstube, im N\u00e4hzimmer\u201c, erkl\u00e4ren kleine Schilder an massiven Zimmert\u00fcren.<\/p>\n<p>Das Haus also leibt und lebt wie einst vor bald hundert Jahren. Doch auch die Ware \u2013 der Most \u2013 wird traditionell produziert. Im ersten Jahr \u201edrei F\u00e4ssle\u201c, heute \u201eacht\u201c, beziffert der Gastwirt den Erfolg, den er irgendwie auch Peter Schmid verdankt. Denn in dessen Mosterei (Bild unten) hatte Dieterich schon als Bub am Hahnen gezapft \u2013 in dessen Betrieb zapft Dieterich noch heute. Dazu noch ein wenig Querdenker, liebe zur Alb und feine Sinne f\u00fcr die Nuancen an Apfelgeschmack \u2013 fertig ist das Geheimrezept f\u00fcr feine Variationen des\u00a0 goldenen Safts: Zehn Aromen hat er in Anlehnung an Zehn-Jahre-Mostkrug kreiert. Wie w\u00e4r es mit: Apfel-Quitten-Most, J\u00e4germost oder die Jubil\u00e4ums-Geschmacksnote Apfel- mit Holunderbl\u00fcten im goldenen Glas?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-12610\" src=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Mostbesen3BFW2821.jpg\" alt=\"Mostbesen3BFW2821\" width=\"320\" height=\"213\" srcset=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Mostbesen3BFW2821.jpg 320w, https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Mostbesen3BFW2821-160x107.jpg 160w, https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Mostbesen3BFW2821-150x100.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 320px) 100vw, 320px\" \/><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Printausgabe: Sph\u00e4re 3\/2014, Seite\u00a04-5<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tradition &#038; Handwerk: Mostkrug \u2013 eine Besen-Wirtschaft als lebendiges Museum<\/p>\n<p>\u00a0Die Alb ohne Apfelmost ist wie Winter ohne Schnee, wie ein Kaminofen ohne Holz. 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