{"id":15587,"date":"2020-07-07T15:30:06","date_gmt":"2020-07-07T13:30:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/?p=15587"},"modified":"2020-07-07T15:30:08","modified_gmt":"2020-07-07T13:30:08","slug":"verbotene-kraeuter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/?p=15587","title":{"rendered":"Verbotene Kr\u00e4uter?"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Wirkung von Cannabis war schon vor 250 Jahren Streitthema<\/em><\/p>\n<p>T\u00fcbinger Historikerin rekonstruiert einen Legalisierungsdiskurs zwischen Wissenschaft und Kirche aus dem 18. Jahrhundert.<!--more--><\/p>\n<p>Soll Cannabis zu medizinischen Zwecken legalisiert werden oder bleibt es eine illegale Droge? Dies wird seit Jahren in vielen L\u00e4ndern diskutiert \u2012 und ist doch schon wesentlich l\u00e4nger Streitpunkt als gedacht: Bereits im Mexiko des 18. Jahrhunderts warb der Priester und Wissenschaftler Jos\u00e9 Antonio Alzate y Ram\u00edrez f\u00fcr die heilende Wirkung der umstrittenen Pflanze \u2013 und legte sich dabei mit der spanischen Kolonialmacht und der Inquisition an. Die Historikerin Dr. Laura Dierksmeier vom Sonderforschungsbereich RessourcenKulturen an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen untersucht die damalige \u00f6ffentliche Auseinandersetzung dazu in Mexiko. Ihre Studie \u201eForbidden herbs: Alzate\u2019s defense of \u201apipiltzintzintlis\u2018\u201c wurde am 07. Juli im Journal Colonial Latin American Review ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>In einem Zeitungsartikel von 1772 verteidigte Alzate Cannabis, das er unter dem Namen \u201ePipiltzintzintlis\u201c aus eigenen Anbau kannte: Er schrieb ihm einen wertvollen medizinischen Nutzen f\u00fcr die Behandlung von Husten, Gelbsucht, Tinnitus, Tumoren, Depressionen und vielem mehr zu. Zudem hielt er die Hanfpflanze f\u00fcr einen hervorragenden Rohstoff zur Herstellung von Seilen f\u00fcr Segelschiffe. Die Spanische Inquisition betrachtete das Halluzinogen hingegen als ein Mittel, um mit dem Teufel in Verbindung zu treten und hatte es daher verboten \u2012 genauso wie viele andere psychoaktive Pflanzen oder Verhaltensweisen, die christlichen Grunds\u00e4tzen angeblich widersprachen.<\/p>\n<p>Jos\u00e9 Antonio Alzate y Ram\u00edrez (1737 &#8211; 1799) hatte eine Mission: er wollte der mexikanischen \u00d6ffentlichkeit wissenschaftliche und vor allem naturkundliche Erkenntnisse n\u00e4her bringen. Im Laufe seines Lebens war er Herausgeber vier verschiedener Zeitungen, Mitglied des k\u00f6niglichen botanischen Gartens in Madrid und korrespondierendes Mitglied der franz\u00f6sischen Akademie der Wissenschaften.<\/p>\n<p>Alzates Belege zum Nutzen von medizinischem Cannabiskonsum reichen von eigenen Erfahrungen, \u00fcber Berichte von Ureinwohnern und Matrosen bis hin zu medizinischen Enzyklop\u00e4dien. \u201eDas Spannende ist dabei vor allem die Bandbreite der Quellen des 18. Jahrhunderts, die den medizinischen Marihuanakonsum unterst\u00fctzten\u201c, sagt Laura Dierksmeier. Alzate nenne hier bekannte Wissenschaftler der damaligen Zeit, wie den Naturforscher Jacques-Christophe Valmont de Bomare, den Mediziner Michael Etm\u00fcller, den Arzt und Mitbegr\u00fcnder der Wissenschaftsakademie \u201eRoyal Society of London\u201c Thomas Willis sowie die \u00c4rzte Guy-Crescent Fagon und Engelbert K\u00e4mpfer.<\/p>\n<p>Die Historikerin untersuchte au\u00dferdem weitere Quellen aus dieser Zeit, die von dem mexikanischen Forscher nicht zitiert wurden, weil er keinen Zugang dazu hatte, oder die Sprache nicht beherrschte. So zum Beispiel den Mediziner und Botaniker Jacobus Tabernaemontanus, der in seinem \u201eNeuw Kreuterbuch\u201c von 1588 Frauen zur Benutzung von Cannabis r\u00e4t, um Unterleibsschmerzen zu lindern, oder auch den ersten bekannten englisch-sprachigen F\u00fcrsprecher Richard Hooke.<\/p>\n<p>\u201eAlzates \u00f6ffentliche Verteidigung des verbotenen Krauts zeigt allgemeine Streitfragen der mexikanischen Gesellschaft\u201c, bewertet Laura Dierksmeier die Rolle des unbequemen Geistlichen. \u201eEr war ein unerm\u00fcdlicher Vermittler zwischen kirchlichen Autorit\u00e4ten und der Zivilgesellschaft, zwischen der spanischen Inquisition und seinen eigenen wissenschaftlichen Beobachtungen, zwischen Wissenschaftlern und der \u00d6ffentlichkeit sowie zwischen indigenem und europ\u00e4ischem Wissen. Alzates Methoden waren europ\u00e4isch und typisch f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung, seine Mission und sein Fokus aber waren spezifisch lateinamerikanisch: Er war stolz auf die nat\u00fcrliche Umgebung Mexikos und f\u00f6rderte die Verwendung einheimischer Kr\u00e4uter, auch wenn dies bedeutete, sie vor dem Verbot der Kirche zu verteidigen.\u201c<\/p>\n<p>Das historische Beispiel zeige, dass die Legalisierung von Marijuana schon sehr lange ein kontroverses Thema sei, wie die Wissenschaftlerin erkl\u00e4rt. Allerdings drohte Kritikern des Verbotes damals die Verbannung oder Todesstrafe. Forscher der fr\u00fchen Neuzeit nahmen ein gro\u00dfes Risiko auf sich, um Informationen zu ver\u00f6ffentlichen, die ihrer Meinung nach der Allgemeinheit dienten. Alzate selbst musste seine Ver\u00f6ffentlichungen nicht mit dem Leben bezahlen. Jedoch wurden drei seiner Zeitungen zensiert und am Ende eingestellt, um ihn in der \u00d6ffentlichkeit mundtot zu machen.<\/p>\n<p>\u201eDie Erkenntnisse der Studie k\u00f6nnen helfen, die gegenw\u00e4rtige Legalisierungs-Debatte zu bereichern oder zumindest die verh\u00e4rteten Fronten aufzubrechen\u201c, sagt Dierksmeier. \u201eDenn laut Alzate und den von ihm zitierten Wissenschaftlern \u00fcberwiegt der Nutzen der Hanfpflanze als Baustoff oder Medizinpflanze die m\u00f6glichen Nebenwirkungen. Oder wie Jos\u00e9 Antonio Alzate y Ram\u00edrez selbst sagte: \u201aIch glaube, ich habe die Vorteile der Nutzung von Pipilzitzintlis demonstriert, und wie wir in der Sprache der Theologen sagen: Es ist schlecht, weil es verboten ist, nicht verboten, weil es schlecht ist\u2018.\u201c<\/p>\n<hr \/>\n<p>Publikation:<br \/>\nLaura Dierksmeier, \u201eForbidden herbs: Alzate\u2019s defense of pipiltzintzintlis Colonial Latin American Review, 07. Juli 2020, <a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/10609164.2020.1755941\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/10609164.2020.1755941<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wirkung von Cannabis war schon vor 250 Jahren Streitthema T\u00fcbinger Historikerin rekonstruiert einen Legalisierungsdiskurs zwischen Wissenschaft und Kirche aus dem 18. Jahrhundert.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-15587","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15587","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15587"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15587\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15588,"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15587\/revisions\/15588"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15587"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15587"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15587"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}