{"id":18516,"date":"2023-04-10T09:25:26","date_gmt":"2023-04-10T07:25:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/?p=18516"},"modified":"2025-12-05T10:25:14","modified_gmt":"2025-12-05T09:25:14","slug":"lauf-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/?p=18516","title":{"rendered":"Lauf der Zeit"},"content":{"rendered":"<p><em>Tradition &amp; Handwerk: Schuhmacher sind rar \u2013 zur Pein geplagter F\u00fc\u00dfe<\/em><\/p>\n<p><strong>Ein Schuster bleibt gern bei seinen Leisten \u2013 so er darf. Die Dettinger Familie Beck durfte. Sie trotzt dem Niedergang dieses Berufsstandes und feiert 100-j\u00e4hriges Jubil\u00e4um.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-18510\" src=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Alte_Schuhmacherwerkstatt_3BFW5972.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"426\" srcset=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Alte_Schuhmacherwerkstatt_3BFW5972.jpg 640w, https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Alte_Schuhmacherwerkstatt_3BFW5972-160x107.jpg 160w, https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Alte_Schuhmacherwerkstatt_3BFW5972-481x320.jpg 481w, https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Alte_Schuhmacherwerkstatt_3BFW5972-150x100.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\"><em>Wie vor 100 Jahren: Im Schuhhandwerk hat sich zur Museumswerkstatt im Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck wenig ver\u00e4ndert (Foto oben). Au\u00dfer dass es kaum mehr Schuster gibt. Generell hat es das Handwerk schwer. Die Handwerkskammer Reutlingen z\u00e4hlt rund 12000 Handwerksbetriebe. Aber nur zehn pro Jahr ist das 100er-Jubil\u00e4um verg\u00f6nnt.<\/em><\/span><\/p>\n<p>Zeigt her eure F\u00fc\u00dfe, zeigt her eure Schuh\u2019\u201c \u2013 dieses lustige Kinderlied ist fast so alt, wie die Familie Beck in Dettingen Erms Schuhe anfertigt, repariert und heute mit modernster Computertechnik millimetergenau orthop\u00e4disch exakt dem Fu\u00df anpasst. Vor genau 100 Jahren begann Opa Georg Beck Schuhleder \u00fcber den h\u00f6lzernen Leisten zu ziehen, abgelatschte Galoschen neu zu besohlen, den Schaft mit seinem rotierenden B\u00fcrs\u00adtensortiment auf Hochglanz zu polieren.<\/p>\n<p>Sohn Hans \u00fcbernahm das Gesch\u00e4ft in der Nachkriegszeit. Das Werkzeug und die Arbeit hatten sich kaum ver\u00e4ndert: Hammer, Zangen, Messer und das dreibeinige Schuhmachereisen. Selbst Enkel Ernst Beck arbeitet heute mit dem Werkzeug von damals. Er hat es lediglich durch rationeller arbeitende Maschinen erg\u00e4nzt.<\/p>\n<p>Vor der Industrialisierung gab\u00b4s nur handgefertigte Schuhe. Ab 1870 entstanden Fabriken. Salamander und Co. hielten die Arbeit im Land. In der Hochburg Pirmasens besch\u00e4ftigten 1970 noch 300 Firmen 22000 sogenannte Fabrikschuster. Schon zehn Jahre sp\u00e4ter machten die H\u00e4lfte der Fabriken dicht. Heute geben dort nur rund 30 Firmen etwa 1200 Menschen Arbeit. An der Alb gilt ein Schumacher als Rarit\u00e4t. Billigschuhe aus China machten aus einem einst hochgesch\u00e4tzten und langj\u00e4hrig gepflegten Unikat ein kurzlebiges Wegwerfprodukt.<\/p>\n<p>\u201eZeigt her eure F\u00fc\u00dfe, zeigt her eure Schuh\u2019 und sehet den flei\u00dfigen Waschfrauen zu.\u201c Von wegen pflegen und hegen. Nicht nur das Schuhwerk heute und dessen durch Modestr\u00f6mungen abartig pervertierte Funktionalit\u00e4t macht der Gesundheit der Menschen zu schaffen, auch die Ignoranz, die F\u00fc\u00dfe ins Unsichtbare unter die G\u00fcrtellinie zu verbannen, gilt als Ursache f\u00fcr eine Reihe von Volkskrankheiten. Beispiel Gelenkarthrosen und R\u00fcckenschmerz. High Heels lassen Fu\u00dfmuskeln verk\u00fcmmern, spitz zulaufende Modetreter deformieren Zehen und Fu\u00dfgew\u00f6lbe. Die gesamte Statik des K\u00f6rpers ger\u00e4t in Schieflage, besonders wenn auch noch \u00dcbergewicht die Gehwerkzeuge erdr\u00fcckt. Denn: Ein schlapper B\u00fcroalltag ist wenig geeignet, um die 28 Knochen, 20 Muskeln und 114 B\u00e4nder eines Fu\u00dfes zu trainieren. Die Ferse tr\u00e4gt die Hauptlast des Gewichtes, doch Fettlagen als Polster bilden sich nur, wenn man geht und nicht nur sitzt. Fu\u00dfsohlen verf\u00fcgen \u00fcber mehr Sinneszellen als unser Gesicht. \u201eDie hochspezialisierten Muskeln und Sehnen k\u00f6nnen nur arbeiten, wenn wir sie nicht in anatomisch unsinnige Ger\u00e4tschaften zw\u00e4ngen\u201c, warnt Ernst Beck, der heute als Fachmann f\u00fcr orthop\u00e4disch individualisierte Schuhproduktion einen guten Ruf genie\u00dft.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-18511\" src=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Schuhvermessung_Koerperhaus_Dettingen__MG_2675.jpg\" alt=\"\" width=\"320\" height=\"191\" srcset=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Schuhvermessung_Koerperhaus_Dettingen__MG_2675.jpg 320w, https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Schuhvermessung_Koerperhaus_Dettingen__MG_2675-160x96.jpg 160w, https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Schuhvermessung_Koerperhaus_Dettingen__MG_2675-150x90.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 320px) 100vw, 320px\" \/><\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\"><em>Hightech-Schuh: Computer helfen Ernst Beck beim Vermessen der F\u00fc\u00dfe.<\/em><\/span><\/p>\n<p>Auf seiner Vermessungsb\u00fchne (Foto oben) analysiert er per Scanner die Sohlen, pr\u00fcft in Spiegeln die Statik der Beine, ja die gesamte Haltung des Fortbewegungssystems Mensch. Schnell erkennt er, wo der Schuh dr\u00fcckt. Manchmal helfen individuell angefertigte Sohlen oder Tipps f\u00fcr revitalisierende Zehen- und Beingymnastik. \u201eW\u00fcrden doch die Menschen mehr wandern, joggen oder walken\u201c, klagt er. \u201eBestimmt h\u00e4tte ich in der Werkstatt weniger zu tun\u201c, grinst der 69-j\u00e4hrige Springinsfeld und f\u00fcgt hinzu: \u201eMich und meine F\u00fc\u00dfe h\u00e4lt der regelm\u00e4\u00dfige Walk Richtung Sonnenfels bis heute jung.\u201c<\/p>\n<p>Seit Becks Meisterpr\u00fcfung 1976 hat sich die Welt ziemlich ver\u00e4ndert. Noch schnellere Autos, noch mehr B\u00fcro-Jobs. Handy und Internet fesseln Jugendliche an den Stuhl. Doch die Evolution hat unsere F\u00fc\u00dfe auf Bewegung programmiert. Zu Familie Becks Gr\u00fcnderzeit vor 100 Jahren waren Kinder barfu\u00df und bisweilen auch Erwachsene ohne Schuhe unterwegs. \u201eJa, barfu\u00df\u201c, sinniert Beck. \u201eDen Fu\u00df durchziehen viele Gef\u00e4\u00dfe und Nerven, die unz\u00e4hlige Reize empfangen.\u201c Gleichgewicht, Bodenbeschaffenheit, Temperatur \u2013 der Fu\u00df f\u00fchrt heute dieser Sinneseindr\u00fccke beraubt ein d\u00fcsteres Leben im Dunkel. Kein Mensch k\u00e4me auf die Idee, f\u00fcr immer die Augen zu verbinden oder auf Dauer dicke F\u00e4ustling-Handschuhe zu tragen. Die F\u00fc\u00dfe aber sehen so gar nichts von der Welt.<br \/>\nBecks Pl\u00e4doyer f\u00fcr den guten Schuh hat schon viele Kunden zum Besseren bekehrt. Besonders gelehrsam seien L\u00e4ufer, zum Beispiel jene des Ermstal-Marathon im Juli jeden Jahres. Viel Platz f\u00fcr die Zehen sei wichtig: einen fingerbreit. Ein Alltagsschuh sollte von Anfang an passen. Einlaufen wie es bei alten Wanderschuhen \u00fcblich war, ist pass\u00e9. \u201eDie Materialien heute sind anpassungsf\u00e4higer als st\u00f6rrisches Leder, die Sohlen flexibler.\u201c<\/p>\n<p>\u201eZeigt her eure F\u00fc\u00dfe, zeigt her eure Schuh\u2019\u201c, Orthop\u00e4diemeister Beck formuliert diesen Liederreim fast t\u00e4glich, um die Lebensqualit\u00e4t seiner Kunden zu steigern. Er wei\u00df, dass sich heute kaum jemand einen handmade Schuh leistet, f\u00fcr den ein Schuhmachermeister 30 bis 40 Stunden braucht. Doch beobachtet er einen Trend: Immer mehr Menschen achten auf gehobene Qualit\u00e4t. \u201eDas lohnt\u201c, best\u00e4tigt der Dettinger Traditionsbetrieb \u201eK\u00f6rperhaus-Ermstal\u201c mit satten 100 Jahren Erfahrung.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-18512\" src=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Schuhwerkstatt_Koerperhaus_Dettingen_3BF.jpg\" alt=\"\" width=\"320\" height=\"229\" srcset=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Schuhwerkstatt_Koerperhaus_Dettingen_3BF.jpg 320w, https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Schuhwerkstatt_Koerperhaus_Dettingen_3BF-160x115.jpg 160w, https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Schuhwerkstatt_Koerperhaus_Dettingen_3BF-150x107.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 320px) 100vw, 320px\" \/><\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\"><em>Echte Handarbeit: Auf den Fu\u00df ganz individuell angepasste Schuhe waren fr\u00fcher Standard, heute Luxus.<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"pdf\" src=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/pdf.gif\" alt=\"PDF-Download: Print-Artikel runterladen\" width=\"39\" height=\"18\" \/>PDF-Download: <\/em><em><a href=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Koerperhaus_Dettingen_Sphaere_Verlag.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Print-Artikel runterladen<\/a><\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Printausgabe: Sph\u00e4re 2\/2018, Seite 06-07<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tradition &#038; Handwerk: Schuhmacher sind rar \u2013 zur Pein geplagter F\u00fc\u00dfe<\/p>\n<p>Ein Schuster bleibt gern bei seinen Leisten \u2013 so er darf. 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