{"id":5157,"date":"2015-01-01T16:32:56","date_gmt":"2015-01-01T15:32:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/?p=5157"},"modified":"2014-12-19T09:03:50","modified_gmt":"2014-12-19T08:03:50","slug":"albdenker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/?p=5157","title":{"rendered":"Alb-Denker"},"content":{"rendered":"<p><em>Geschichte &amp; Personen:\u00a0Martin Heidegger<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWohl verringert sich rasch die Zahl derer, die noch das Einfache als ihr erworbenes Eigentum kennen. Aber die Wenigen werden \u00fcberall die Bleibenden sein. Sie verm\u00f6gen einst aus der sanften Gewalt des Feldweges die Riesenkr\u00e4fte der Atomenergie zu \u00fcberdauern, die sich das menschliche Rechnen erk\u00fcnstelt und zur Fessel des eigenen Tuns gemacht hat.&#8220; (Aus Martin Heidegger \u201eDer Feldweg&#8220;)<\/p>\n<p><strong><em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"pdf\" alt=\"PDF-Download: Print-Artikel runterladen\" src=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/pdf.gif\" width=\"39\" height=\"18\" \/><\/em><\/strong><em>PDF-Download:\u00a0<\/em><em><a href=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Heidegger_Sphaere_Verlag.pdf\" target=\"_blank\">Print-Artikel runterladen<\/a><\/em><\/p>\n<p><em><\/em><!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-5159\" title=\"Heidegger_Aufmacher\" alt=\"\" src=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Heidegger_Aufmacher-e1331827419627.jpg\" width=\"315\" height=\"428\" srcset=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Heidegger_Aufmacher-e1331827419627.jpg 315w, https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Heidegger_Aufmacher-e1331827419627-117x160.jpg 117w\" sizes=\"auto, (max-width: 315px) 100vw, 315px\" \/><\/p>\n<p>Die Schw\u00e4bische Alb ist ein kompakter Gebirgsk\u00f6rper von etwa 200 Kilometer L\u00e4nge und 40 Kilometer Breite. Wer an ihren Felsen wandert, etwa am steilen Trauf im Norden oder im spektakul\u00e4ren Durchbruch der Donau im S\u00fcdwesten, der glaubt schon einen Teil Ewigkeit zu sp\u00fcren. Unser Verstand aber wei\u00df es anders: Auch ein Gebirge ist Werden und Vergehen. Die Alb entstand vor fast 200 Millionen Jahren durch Ablagerungen im Jurameer. Seit dieser fast undenkbar langen Zeit ist sie geologischen und klimatischen Wechself\u00e4llen unterworfen, die ihr aber erlaubten, ihren unverwechselbaren Charakter zu entwickeln. Als Kind ihrer begrenzten Zeit wird sie nach weiteren Jahrmillionen die Erosion zerrieben haben oder durch ganz unerwartete Erdereignisse zerst\u00f6rt sein.<\/p>\n<p>Ein Denker, der seine Zeitgenossen zu \u00e4hnlichen Betrachtungen inspirierte, ist der unweit des s\u00fcdlichen Albrandes geborene Weltphilosoph Martin Heidegger. Er lehrt uns: \u201eDas Dasein vom Standpunkt der Geschichtlichkeit und Verg\u00e4nglichkeit her zu betrachten, kann kein Mineral, keine Pflanze, auch kein Tier, sondern alleine der Mensch.\u201c Seine Betrachtungen des \u201eIn-der-Welt-Sein&#8220; wurden ungeheuer popul\u00e4r.<\/p>\n<p>Sein eigenes Dasein begann 1889 im pittoresken Me\u00dfkirch, zwischen Alb und Bodensee gelegen, als Sohn eines armen katholischen K\u00fcsters. Stipendien und Mildt\u00e4tigkeit der Kirche erm\u00f6glichten Internatsaufenthalte in Konstanz und Freiburg. Der t\u00fcchtige Gymnasiast Heidegger aber schlug den scheinbar vorgezeichneten Weg zum Priester nicht ein. K\u00f6rperliche und psychische Krisen schon in jungen Jahren lehrten ihn seine wahre Berufung. Seit der Jugend durch Werke gro\u00dfer Philosophen angeregt, wollte er selbst universeller Denker werden. W\u00e4hrend des Studiums der Philosophie, der Natur- und Geisteswissenschaften in Freiburg bewies er sein Talent. 1913 legte er seine Doktorarbeit ab und erlangte schon zwei Jahre sp\u00e4ter selbst die akademische Lehrerlaubnis. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er Assistent seines Freundes und Vorbildes Edmund Husserl an der Freiburger Hochschule. Schon bald sprach sich die Kraft seiner Vortr\u00e4ge \u00fcber Philosophen wie Aristoteles und gro\u00dfe Themen wie Ph\u00e4nomenologie herum. 1923 folgte er als au\u00dfergew\u00f6hnlicher Professor dem Ruf der Universit\u00e4t Marburg in Hessen. Vier Jahre sp\u00e4ter erschien Heideggers Werk, das ihn zum Weltphilosophen hob: \u201eSein und Zeit.&#8220; In schwieriger Kunstsprache legt Heidegger hier die Summe seines Philosophierens dar. \u201eSein und Zeit&#8220; blieb Fragment und hat doch Wellen geschlagen, wie kaum ein anderes Werk des zwanzigsten Jahrhunderts. Die einen beschimpften es als Scharlatanerie, andere verglichen es mit den Werken der Gro\u00dfen: Platons Politik, Kants Kritik der reinen Vernunft, Hegels Ph\u00e4nomenologie des Geistes.<\/p>\n<p>Heidegger ist einen dritten Teil von \u201eSein und Zeit&#8220; schuldig geblieben. Und doch traf er die unterdr\u00fcckte Sehnsucht eines n\u00fcchtern technologischen Jahrhunderts, mit einem Gedanken, der in unsere Gegenwart \u00fcbersetzt etwa so lauten k\u00f6nnte: \u201eWer durch die Biosph\u00e4re der Alb spaziert, der m\u00f6chte sich wohl nicht st\u00e4ndig in Gedanken \u00fcber wissenschaftliche Details ergehen, auch nicht, wenn er Geologe oder Biologe sein sollte.\u201c Der Mensch m\u00f6chte \u00fcber das Sein als Ganzes sinnieren und genie\u00dfen \u2013 hier die Harmonie und Sch\u00f6nheit der Landschaft. Weil wir als Seiende das Dasein als endlich \u00fcberschauen, ist unser Grundgef\u00fchl eine gewisse Angst. Aber wir finden auch Kraft, \u00fcber unser Leben zu bestimmen. Auch unser Charakter wird von \u00e4u\u00dferen Faktoren mitgepr\u00e4gt, aber der Mensch als Seiender kann bestimmen: Will er diesen Sph\u00e4re-Artikel weiterlesen, will er eine Familie gr\u00fcnden und mit welchem Partner, will er ein \u00f6kologisch nachhaltiges Leben f\u00fchren? Hier geht Heidegger in den Kontrast zum alten Griechen Aristoteles, f\u00fcr den solche Entscheidungen ohne wirklich eigenen Einfluss mit uns geschehen. Naturwissenschaftler der Gegenwart geben dem antiken Denker in diesem Punkt gegen Heidegger (leider) recht.<\/p>\n<p>Heidegger \u00fcbernahm 1928 Husserls Lehrstuhl in Freiburg. Durch seine umstrittene Rolle in der Nazizeit, als zumindest anfangs auch der gro\u00dfe Denker Heidegger sich vom B\u00f6sen blenden lie\u00df, hatte er nach dem Krieg zeitweise Lehrverbot. Heidegger publizierte und dozierte privat. Sein Themenkreis war breit gef\u00e4chert, er analysierte die Werke von Philosophen wie Nietzsche, dozierte \u00fcber die Dichtung H\u00f6lderlins \u00fcber Zeit und das Nichts. Manch einer glaubt aus den Aufzeichnungen seiner Vortr\u00e4ge die Fortsetzung von \u201eSein und Zeit&#8220; zu erkennen.<\/p>\n<p>Heidegger liebte das Einfache und die Natur \u00fcber alles. In seiner asketischen H\u00fctte am Todtnauberg im Schwarzwald (Wasser gab es am Brunnen, Strom erst in sp\u00e4teren Jahren) schmiedete er die bes\u00adten Gedanken beim Anblick der Bergw\u00e4lder und Wolkenspiele. Hatte er des Winters Studenten zu Gast, lehrte er sie das Skifahren ebenso gut wie das Philosophieren. Er f\u00fchlte sich \u201egeworfen&#8220; (Heideggers Kunstsprache) in die l\u00e4ndliche Welt S\u00fcddeutschlands, pflegte und liebte die Lebensart und das Idiom seiner badischen Heimat. Zweimal lehnte er Berufungen an Berliner Hochschulen ab. In der Metropole, glaubte er, unterzugehen. Kleinere, damals noch beschauliche St\u00e4dte wie Freiburg und Marburg waren f\u00fcr ihn schon die Grenze des Zumutbaren. Heidegger sprach und kleidete sich wie ein Landmann. \u201eB\u00e4uerlein&#8220; nannten ihn Zeitgenossen spa\u00dfhaft. Aber dieses B\u00e4uerlein sprach zwar langsam in alemannischem Akzent, und doch war seine Rede so mitrei\u00dfend, dass er ein philosophischer Star seiner Zeit wurde.<\/p>\n<p>Heidegger starb 1976 und fand die letzte Ruhe neben seinen Eltern auf dem Friedhof von Me\u00dfkirch. Wenn dort der Wind von Norden weht, bringt er den herben Hauch der Alb mit hin\u00fcber. Heidegger, auch wenn er mit den Jahren mit dem Katholizismus brach, liebte das Kloster Beuron im Donaudurchbruch. Nach allem was wir wissen \u00fcber seine Naturliebe und beim Betrachten seines Zitates \u00fcber die \u201eKraft des Feldweges&#8220;, ist es nicht vermessen zu behaupten: H\u00e4tte es seinerzeit schon das Biosph\u00e4renreservat auf der Schw\u00e4bischen Alb gegeben, Heidegger w\u00e4re sein Freund gewesen und manches Mal aus seiner badischen Heimat her\u00fcbergekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><span style=\"color: #800000;\">Museum Me\u00dfkirch: Weltphilosoph vom Rande der Alb<\/span><\/h3>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-5158\" title=\"HEIDEGGER\" alt=\"\" src=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/HEIDEGGER-150x150.jpg\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Me\u00dfkirch, die Heimat Heideggers, jeweils rund 20 Kilometer von Sigmaringen und Beuron entfernt gelegen, besticht durch einen sehenswerten mittelalterlichen Altstadtkern. Heidegger ist nicht der einzige prominente Sohn des St\u00e4dtchens. Bekannte K\u00fcnstler stammen von dort, etwa der Komponist Conradin Kreuzer. Aktuelle Stars aus Me\u00dfkirch sind die Geschwister Hofmann. Das Renaissanceschloss ist das erste vierfl\u00fcgelige n\u00f6rdlich der Alpen. Es beherbergt drei Museen: ein Oldtimermuseum, die Kunstgalerie des Landkreises Sigmaringen und das Heidegger-Museum.<\/p>\n<p>Ein Ausflug l\u00e4sst sich verbinden mit einem Abstecher in den Naturpark Obere Donau. Der wildromantische Durchbruch des jungen Flusses durch die Alb sucht seinesgleichen. 80000 Touristen zieht es j\u00e4hrlich in die vom Nahverkehr bestens erschlossene Felsenwelt, mit rund 100 Burgen oder Ruinen. Martin Heidegger liebte die ehrw\u00fcrdige Benediktinerabtei Beuron, tief unten im Donautal.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p><em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"pdf\" alt=\"PDF-Download: Print-Artikel runterladen\" src=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/pdf.gif\" width=\"39\" height=\"18\" \/>PDF-Download:\u00a0<\/em><em><a href=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Heidegger_Sphaere_Verlag.pdf\" target=\"_blank\">Print-Artikel runterladen<\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><\/em><em>Printausgabe: Sph\u00e4re 1\/2012, Seite 34-35<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geschichte &amp; Personen:\u00a0Martin Heidegger &nbsp; \u201eWohl verringert sich rasch die Zahl derer, die noch das Einfache als ihr erworbenes Eigentum kennen. 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