{"id":9862,"date":"2016-08-13T20:10:58","date_gmt":"2016-08-13T18:10:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/?p=9862"},"modified":"2016-08-17T09:06:38","modified_gmt":"2016-08-17T07:06:38","slug":"explosiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/?p=9862","title":{"rendered":"Explosiv"},"content":{"rendered":"<p><em>Geschichte &amp; Orte: Tragik der Muna Haid<\/em><\/p>\n<p><strong>Muna hei\u00dft Munitionsanstalt, Haid hei\u00dft heute ein Ortsteil\u00a0Engstingens. Hier lastet explosive Albgeschichte. Hitler baute Waffen f\u00fcr seinen Krieg, die Amerikaner deponierten Abschreckung gegen einen Krieg. Dazwischen Schicksale. Die Atomraketen der Amerikaner hielten diesen lieblichen Teil der Schw\u00e4bischen Alb ab 1981 in Atem.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-5438\" src=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Muensingen_Militaermuseum_84FB8801.jpg\" alt=\"Muensingen_Militaermuseum_84FB8801\" width=\"320\" height=\"214\" srcset=\"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Muensingen_Militaermuseum_84FB8801.jpg 320w, https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Muensingen_Militaermuseum_84FB8801-160x107.jpg 160w, https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Muensingen_Militaermuseum_84FB8801-140x93.jpg 140w\" sizes=\"auto, (max-width: 320px) 100vw, 320px\" \/><\/p>\n<p>Wer die H\u00f6he eines Gebirges bereist, erhofft sich die Abkehr von Hektik und L\u00e4rm, aber auch ein wenig von den Sorgen der Welt. Von der H\u00f6he der mittleren Alb gesehen, schimmert in klaren N\u00e4chten am Horizont der Lichtschein Stuttgarts. Etwas n\u00e4her tanzen die Leuchten des Flughafens. Ein Reisender aus dieser Gegend in Richtung Alb l\u00e4sst mit Reutlingen und Pfullingen die drittgr\u00f6\u00dfte Metropolregion im L\u00e4ndle zur\u00fcck. Sein Weg taucht zwischen die Felsen des Echaztals ein, bevor er sich mit Blick zum Lichtenstein zur Albh\u00f6he hinauf windet. Sp\u00e4tes\u00adtens jetzt kommen frohe Gef\u00fchle auf: Ruhe, Romantik, Freizeit. Ein wenig weiter \u00fcber die Hochfl\u00e4che aber findet der Reisende bei Gro\u00dfengstingen das Gewerbegebiet \u201eHaid&#8220;. Dort l\u00e4sst sich lernen, dass die Alb zwar Erholungsgebiet ist, aber nicht immer und \u00fcberall weltfernes Biotop. Denn: \u00dcber ein halbes Jahrhundert, von 1938 bis 1993, schrieb die \u201eHaid&#8220; mit an unr\u00fchmlichen Kapiteln der Weltpolitik.<\/p>\n<p>Einst war die \u201eHaid&#8220; Gemeindewald, Hort der Ruhe, aber von wirtschaftlicher Bedeutung. Im Jahre 1938 wurde Schultes Oskar Gauch von Luftwaffenoffizieren schroff mitgeteilt, dass es mit der Ruhe vorbei war, Widerspruch ausgeschlossen. 140 Hektar Fl\u00e4che auf der \u201eHaid&#8220; wurden gebraucht: Das Reich stellte sich seinerzeit um von Zivil- auf Kriegswirtschaft, der F\u00fchrer stampfte Munitionsanstalten (kurz Munas) aus dem Boden. Nun sollte auch die stille Alb in das das t\u00f6dlich- laute Kriegsgesch\u00e4ft einsteigen.<\/p>\n<p>76 Bunker, 12 Arbeits- und Lagerh\u00e4user und 55 Freilagerpl\u00e4tze f\u00fcr Munition hatten sich in den Engstinger Wald gefressen. Die Besatzung der \u201eMuna&#8220;, drei Offiziere und 400 Mann, produzierten hier Munition f\u00fcr Gesch\u00fctze aller Art. Eine kleine Diesellok (die erste in der Gegend) zog die gef\u00e4hrliche Fracht \u00fcber ein Verbindungsgleis zum Bahnhof, um sie von dort weiter \u00fcber das Reichsschienennetz an alle Fronten jener kriegsverblendeten Welt zu verschicken. Auch Bauteile der geheimen \u201eWunderwaffe V1\u201c lagerten auf der Schw\u00e4bischen Alb \u2013 der erste Marschflugk\u00f6rper, der zur sinnlosen Vergeltung eigenst\u00e4ndig feindliche Gro\u00dfst\u00e4dte ansteuern sollte. Adolf Hitler und sein Krieg verbrauchte M\u00e4nner. Es drohten in der \u201eMuna Haid&#8220; ebenso wie im ganzen Reich die Arbeitskr\u00e4fte auszugehen. Italienische Zwangsarbeiter, politische Gegner Mussolinis und teils zwangsverpflichtete Frauen aus der Umgebung mussten diese L\u00fccke f\u00fcllen. Sp\u00e4ter schufteten auch Kriegsgefangene aus Frankreich und Russland in der Montage, im Transport und im Steinbruch. Die \u201eMuna&#8220; war perfekt getarnt, dank ihrer Lage im Wald und der \u00e4u\u00dferlichen \u00c4hnlichkeit mit einem Landgut. Erst Anfang 1945, als die Front der Alb schon nahe war, kam ihr die alliierte Luftaufkl\u00e4rung auf die Schliche. Jetzt entfaltete der Bombenkrieg auch auf der mittleren Alb seine unvorstellbare Schockwirkung. Bombergeschwader der US- Airforce steuerten die \u201eMuna&#8220; mehrmals an, den m\u00e4chtigsten Angriff mit 250 Fluzeugen in mehreren Wellen traf die Anlage am 8. April, einen Monat vor Kriegsende. Bunker, Geb\u00e4ude und ein Munitionszug mit 50 Wagons explodierten, Flammen, Rauch, umherfliegende Eisenteile. Wie durch ein Wunder wurden die Menschen in den H\u00e4usern Engs\u00adtingens verschont. Am 24. April marschierte die US- Army gegen nur schwachen Widerstand in Engstingen ein.<\/p>\n<p>Nach dem Krieg war die \u201eHaid&#8220; ein verseuchtes, explosives Tr\u00fcmmerfeld. Feuerwerker, Kampfmittelr\u00e4umer und mancher Laie, der von der Not getrieben Schrott aufsammelte, riskierte sein Leben, bevor das Gel\u00e4nde wieder als oberfl\u00e4chlich sauber und nutzbar galt. 1950-53 siedelte eine Lungenheilanstalt auf der \u201eHaid&#8220;. In einer Liegehalle ohne Au\u00dfenw\u00e4nde suchten Kranke die Linderung durch frische Albluft zu finden. Ab 1953 gab die ehemalige \u201eMuna&#8220; Unterkunft f\u00fcr bis zu 800 Fl\u00fcchtlinge aus den Ostgebieten.<\/p>\n<p>Mitte der f\u00fcnfziger Jahre sorgte die angedachte milit\u00e4rische Nutzung des Gel\u00e4ndes f\u00fcr Z\u00fcndstoff. Die Gemeinde Engstingen k\u00e4mpfte indessen vergeblich um ihr einstiges Gel\u00e4nde als landwirtschaftliche Fl\u00e4che. Auch Eingaben des Abgeordneten und sp\u00e4teren Kanzlers Kiesinger und besonders des Reutlinger B\u00fcrgermeisters Kalbfell fruchteten nicht. Im Engs\u00adtinger Wald entstand eine Bundeswehrkaserne, ab 1965 nach Eberhard Finkh benannt, einem am Stauffenberg-Putsch beteiligten und daf\u00fcr in Pl\u00f6tzensee hingerichteten Oberst.<\/p>\n<p>2000 Soldaten als Neub\u00fcrger Engstingens ver\u00e4nderten die Gemeindestruktur dramatisch. Neue Arbeitspl\u00e4tze, haupts\u00e4chlich in Handel und Verwaltung, entstanden. So lernten die zun\u00e4chst skeptischen \u00c4lbler mit ihrer Garnison zu leben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der achtziger Jahre dann begann der gesellschaftliche Konflikt wegen der atomaren Bedrohungsszenarien des Kalten Krieges auch auf der mittleren Alb zu toben: Abschreckung mit Atomwaffen gegen den hochger\u00fcsteten Feind im Osten oder doch lieber friedfertig abr\u00fcsten? Ein Artikel im \u201eStern&#8220; enth\u00fcllte 1981, dass direkt neben der \u201eMuna&#8220;, im von den Amerikanern 1969 eingerichteten \u201eSonderlager Golf&#8220;, Atomsprengk\u00f6pfe lagerten. Jetzt war es mit der Ruhe endg\u00fcltig vorbei. Die Friedensbewegung war auf den Plan gerufen. Gewaltfrei, aber hei\u00df ging es her, zehn Jahre lang. Zehntausende Pazifisten demonstrierten im kleinen Engstingen, Demonstranten ketteten sich an Kasernentore, blockierten Zufahrtsstra\u00dfen \u00fcber Tage und Wochen. 400 Urteile wegen N\u00f6tigung sprach das Amtsgericht M\u00fcnsingen gegen Blockierer aus. Das Bundesverfassungsgericht verwarf sie sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Als sich in den neunziger Jahren der Osten \u00f6ffnete und die Bedrohung verschwand, wendete sich auch die Lage der Engstinger Kaserne. Schon bald war der Standort strategisch uninteressant. 1993 \u00fcbergab Stabsfeldwebel Grimm die Schl\u00fcssel der zivilen Wachmannschaft. Der letzte Soldat verlie\u00df die \u201eHaid&#8220;. Die Gemeinden Engstingen, Hohenstein und Trochtelfingen, auf deren Gemarkung das Gel\u00e4nde liegt, gr\u00fcndeten den \u201eZweckverband Gewerbegebiet Engstingen-Haid\u201c. Bevor neue Industrie auf dem Gel\u00e4nde siedeln konnte, war ein gro\u00dfes Hindernis zu \u00fcberwinden: Die gef\u00e4hrliche Beseitigung explosiver Altlasten aus einem Weltkrieg und 50 Jahren milit\u00e4rischer Nutzung. Dieses Problem ist bis heute nicht auf dem ehemaligen Truppen\u00fcbungsplatz M\u00fcnsingen gel\u00f6st, der als Herzst\u00fcck des \u00adUNESCO-Biosph\u00e4renreservates Schw\u00e4bische Alb gilt.<\/p>\n<p>Heute arbeiten in der \u201eHaid\u201c etwa 300 Menschen in Dienstleistung und Industrie. Ein k\u00fcnstlerisches Atelier, Angebote der Volkshochschule und Sportvereine bereichern diesen Ort. Nicht nur Biotope also locken den Reisenden auf die Alb, sondern auch das Andenken an unsere j\u00fcngere Geschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Von Marco Heinz<\/span><\/em><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><span class=\"Apple-style-span\" style=\"color: #800000; font-size: 16px; font-weight: bold; font-style: normal;\">Buchtipp: Soldaten, Sprengk\u00f6pfe und scharfe Munition<\/span><\/em><\/p>\n<p>Joachim Lenk, Journalist und ehemaliger Zeitsoldat der Panzerbrigade 28 in Dornstadt, gilt als Kenner der Milit\u00e4rgeschichte auf der Schw\u00e4bischen Alb. Nach der Schlie\u00dfung der Eberhardt-Finkh-Kaserne beobachtet er auch die Entwicklung des Gewerbegebietes \u201eHaid&#8220;. Die Geschichte von der \u201eMuna&#8220; bis zum Gewerbegebiet hielt er 2006 in seinem reich bebilderten Werk fest.<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #888888;\">\u201eSoldaten, Sprengk\u00f6pfe und scharfe Munition\u201c Joachim Lenk, Wiedemann-Verlag ISBN 3-9810687-2-6 <a href=\"http:\/\/www.Eberhard-Finckh-Kaserne.de\" target=\"_blank\">www.Eberhard-Finckh-Kaserne.de<\/a><\/span><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Printausgabe: Sph\u00e4re 2\/2012, Seite 32-33<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geschichte &#038; Orte: Tragik der Muna Haid<\/p>\n<p>Muna hei\u00dft Munitionsanstalt, Haid hei\u00dft heute ein Ortsteil Engstingens. Hier lastet explosive Albgeschichte. Hitler baute Waffen f\u00fcr seinen Krieg, die Amerikaner deponierten Abschreckung gegen einen Krieg. Dazwischen Schicksale. Die Atomraketen der Amerikaner hielten diesen lieblichen Teil der Schw\u00e4bischen Alb ab 1981 in Atem.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":5438,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16,22],"tags":[],"class_list":["post-9862","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lesegenuss","category-printausgabe-archiv"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9862","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9862"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9862\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11838,"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9862\/revisions\/11838"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/5438"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9862"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9862"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.biosphaere-alb.com\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9862"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}