Biosphärenreservat Vessertal

Portrait: Biosphärenreservat Vessertal am Rennsteig, Deutschland

„Über allen Gipfeln ist Ruh, …“ Einer der berühmtesten Verse von Johann Wolfgang Goethe entstand beim Anblick des heutigen Biosphärenreservats.

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Dichtung oder Wahrheit

„Über allen Gipfeln ist Ruh, …“ Einer der berühmtesten Verse von Johann Wolfgang Goethe entstand beim Anblick des heutigen Biosphärenreservats. Seine Empfindungen nährten einfühlsame Sätze, seine Wahrheit verdichtete er zu treffenden Reimen. Für einen weniger empfindsamen Zeitgenossen ist Wahrheit mörderische Gewalt. Den Feldherren Napoleon aber hatte die Stille des Thüringer Walds nicht inspiriert, der Rennsteig noch weniger fasziniert. Denn dieser Pfad in einer Naturkulisse, die heute als Deutschlands erstes UNESCO-Biosphärenreservat rangiert war Napoleons Schicksalsweg, über den er als Geschlagener Feldherr kampflärmend floh. Krieg und Frieden, Tod und Leben scheinen selbst hier wie zwei Seiten einer Medaille.

Der Wind peitscht den Regen ins Gesicht. Die mächtigen Weißtannen entlang des Rennsteigs biegen sich im Rhythmus der Windböen. Man schrieb das Jahr 1813. Doch obwohl der französische Soldat das raue Klima des Thüringer Walds verflucht, ist er froh. Denn: er hat überlebt.

Fotos & Text Sphäre-Verlag

Vor rund 200 Jahren flüchtete Napoleon mit seinem Heer hier über diesen Passübergang am Vachaer Stein (386 m). Der machtgierige Feldherr hatte die bis dahin größte Schlacht Europas bei Leipzig verloren, seine Ära beendet. Von rund 600000 Soldaten sollen 92000 getötet oder verwundet worden sein. 30000 Franzosen gefangen.

Heute erinnert noch das historische Lauterer Wirtshaus in Suhl an Napoleons mörderische Zeit. Er soll hier am westlichsten Zipfel des älteste Biosphärenreservats Vessertal-Thüringer Wald übernachtet haben. Doch die Faszination dieses Gebirgsriegels berührte ihn kaum.

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 Fernblicke sind rar: Deutschlands berühmtester Fernwanderweg, der Rennsteig, verläuft zu meist im Wald.

Um so mehr zogen die weitläufigen Fichtenwälder einen anderen prominenten Gast dieser Zeit in ihren Bann. Er lebte in Illmenaus, dem nördlichsten Städtchen der Biosphäre. Hier tankte er Kraft und suchte Rückzug, um Weltliteratur zu produzieren. Johann Wolfgang von Goethe ließ sich im Zauber dieses Landstrichs treiben: „Auf dem Gickelhahn (Kickelhahn), dem höchsten Berg des Reviers, den man in einer klingernden Sprache Alecktrüogallonax nennen könnte, hab ich mich gebettet, um dem Wuste des Städtgens, den Klagen, den Verlangen, der unverbesserlichen Verworrenheit der Menschen auszuweichen.“ Diese Worte widmete der Dichterfürst dem Ilmenaus Hausberg, der sich über das gemeine Leben um 861 Höhenmeter erhebt.

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Schönes verfällt: Mondäne Gehöfte im Tal verloren nach der Wende Sinn und Zweck. Es fehlt an Arbeitskraft und Geld.

Wenige Minuten vom Gipfel entfernt erinnert heute noch das „Goethehäuschen“, welches Herzog Carl August 1783 als Jagdunterkunft unterhalb des Bergsporns errichten ließ. Goethe schrieb dort in der Nacht vom 6. auf den 7. September 1783 ein uns bekanntes Gedicht auf die Bretter über einem der Fenster:

Über allen Gipfeln

Ist Ruh,

In allen Wipfeln

Spürest du

Kaum einen Hauch;

Die Vögelein schweigen im Walde.

Warte nur, balde

Ruhest du auch.

Der Literat durchstreifte also nachweislich auch in Napoleons Schicksalsjahr 1813 die farbenprächtigen Bergwiesen, erwanderte teilweise den 168 Kilometer langen Rennsteig, der den Thüringer Wald wie eine Krone in höchsten Stand erhebt. Die Berühmtheit dieses Höhenwanderweg, der vom Ufer der Werra bei Eisenach nach Blankenstein im Thüringer Schiefergebirge führt, zentriert auch heute das Interesse. Ganz gleich, ob Skifahrer oder Biker, ob Wanderer oder Kulturreisende – schon zu DDR-Zeiten war die Region mit 80000 Betten im Arbeiter- und Bauernstaat Reiseziel Nummer eins. Daher bemühte sich das Vessertal 15 Jahre vor dem Mauerfall um die Anerkennung zum ersten deutschen Biosphärenreservat. 1979 schließlich adelte die UNESCO 1384 Hektar Natur.

Das kleine Gebiet wuchs 1990 auf 17000 Hektar zum derzeit zweitkleinsten Biosphärenreservat. Zum Vergleich: Das Biosphärengebiet Schwäbische Alb umfasst 85000 Hektar.

Dafür aber steckt im Thüringer Reservat die Urkraft der Konzentration. Keine Landwirtschaft, fast nur Wald – 88 Prozent der Fläche, die nur an Bachläufen und Hochflächen durch Wiesen unterbrochen wird (9 Prozent).

Das Besondere: Bereits seit 1978 baut der Forst die Waldstruktur zu naturnahen Beständen um, seit 1993 hat sich die Landesforstverwaltung verpflichtet, Laubgehölze in älteren Fichtenholzbeständen zu befördern. Zwischen 1994 und 2001 konnten so 485 Hektar naturnaher Mischwald neu angelegt werden.

Schon zu Goethes und Napoleons Zeiten begann die Forstwirtschaft wegen des hohen industriellen Energiebedarfs die Fichtenwälder zu begünstigen. Noch heute sind über 60 Prozent der Waldfläche des Biosphärenreservates Fichtenreinbestände, obwohl der Fichtenwald einst nur 21 Prozent Anteil an der natürlichen Vegetation dieses Gebietes besaß. Von Buchen dominierte Wälder stellen 21 Prozent der Waldfläche, ihr natürlicher Anteil müsste eigentlich 38 Prozent betragen.

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 Trabi: Das Lebensgefühl der DDR klingt nach.

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Übersichtskarte

Biosphärenreservat Vessertal-Thüringer Wald

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Biosphärenreservat Vessertal-Thüringer Wald: 50.607218, 10.814249

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Waldparadies: Immer leise, niemals schrill

Rennsteig_Vessertal_IMG_2241Bescheiden: Die Biosphären-Verwaltung logiert in diesem spartanischen Häuschen in Schmiedefeld. Ein kleiner Erlebnisgarten hinterm Haus muss dem Schaukasten-Naturpädagogik-Ansatz genügen. Denn: Die grandiose Natur ist Lehrmeister genug. das Reservat bietet folgerichtig reichlich qualitativ hochwertige Führungen live und vor Ort.

Biosphärenreservat Vessertal-Thüringer Wald: Schon das bescheidene Biosphärenreservatszentrum in Schmiedefeld (Foto) lässt ahnen: Hier verkommt Naturschutz nicht zum Prestigeobjekt für Politiker oder zur Marketing-Offensive der Touristiker. Schon alleine die Tatsache, dass sich das Vessertal Deutschlands erstes und älteste Biosphärenreservat nennen darf, lässt vermuten, dass in Thüringen Trendsetter und Idealisten am Werk waren. Bereits 1937 schlug Prof. Ernst Kaiser, Professor der Erdkunde an der Pädagogischen Akademie Erfurt und Schulrat im Kreis Suhl, in seiner Arbeit „Der Bergwald im oberen Vessertal“ vor, einen Teil des Vessertals als Naturschutzgebiet auszuweisen. 1939 wurde zunächst ein Gebiet mit der Größe von 1384 Hektar zum Naturschutzgebiet erklärt. Seit 1959 besteht eine „Naturwaldzelle“, die als Totalreservat der Vorläufer der heutigen Kernzone des Biosphärenreservates darstellt. Im gesamten Biosphärenreservat (nicht nur in Kernzonen) werden forstwirtschaftlich einschneidende Leitlinien umgesetzt. Insgesamt gedeihen 1245 Pflanzenarten. 2291 Arten wirbelloser Tiere und 231 Wirbeltier-Arten sind derzeit bekannt. Charakteristische Pflanzenarten sind Fichte, Rotbuche, Weißtanne, Arnika, Bachbunge, Schwarzerle und Moosbeere. Charakteristische Tierarten sind Rothirsch, Schwarzspecht, Waldschnepfe, Kurzflügelige Beißschrecke, Feuersalamander, Wasseramsel und Bachforelle.

(Vor 2016)  UNESCO-Biosphärenreservat Vessertal-Thüringer Wald (vor 2016): Höhe: Tallage ab 420 m bis Große Beerberg (982 m) / 170 km2 (vor 2016) 327 km2 (nach 2016) (Vergleich Biosphäre Schw.. Alb: Fläche: 853 km2)

Nachtrag: Seit 2016 heißt das Biosphärenreservat Vessertal nun Biosphärenreservat Thüringer Wald. Es besitzt ein neues Infozentrum, das Gebiet wurde erweitert.

1979 entstand unter dem Namen Biosphärenreservat Vessertal mit einer Fläche 13,84 km² das erste Biosphärenreservat in Deutschland. Von 2006 bis 2016 hieß das nun 170 km² gr0ße Gebiet Biosphärenreservat Vessertal-Thüringer Wald. 2016 wurde es in Biosphärenreservat Thüringer Wald umbenannt und zur heutigen Größe auf 327 km² erweitert.

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Printausgabe: Sphäre 2/2015, Seite 28-31

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