Herr der Dinge

REPORT: Gemüse-Abo aus Dapfen geht auf Überholspur

Landwirt Jürgen Weiss liebt Eigenständigkeit und unternehmerische Freiheit mehr als den Geldsegen aus Agrarsubventionen. Warum? Er hat das Vermarkten noch nicht verlernt.

Wer sind die Besten? Die Originale. Jene, die ab Stunde null erfinden, entwickeln, sich engagieren. Was kommt danach? Die Kopie. Und genau das ist es, was das iPhone von Steve Jobs aus den USA und das Gemüse-Abo von Jürgen Weiss aus Dapfen im Lautertal gemeinsam haben. Sie sind Originale und waren die Ersten.

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Der Multimillionär Jobs (✝2011) schraubte anfänglich in einer Garage an seinen ersten Mac-Computern. Der früh von heimischen Albgewächsen faszinierte und studierte Gemüsegärtner Weiss startete auf bescheiden-kleinen Feldern. Er schwitzte leidenschaftlich für ein unabhängiges, erfülltes Landwirtsleben. Die Früchte seiner ersten Ernten chauffierte er noch 1990 mit einem klapprigen Fiesta von Haus zu Haus – im Kofferraum eine Kiste Kraut und Salat.

20 Jahre später führt das mittelständische Unternehmen im lieblichen Lautertal 1200 Produkte im Sortiment. Die Geschäftsidee der Familie Weiss gibt heute neun Menschen Arbeit und sichert deren tägliches Brot. Zwei Kühl-Kleinlaster pendeln zwischen Aalen und Sulz am Neckar. Überraschend viele Kunden beliefert der 100-prozentige Bioland-Betrieb auf der Alb – trotz oder vielleicht gerade wegen der noch lebendigen Krautgarten-Kultur? Auf Agrar-Subventionen für seine Grundstücke verzichtet Weiss: „Zu viel Bürokratie.“ Der Gartenbauer legt „die goldenen Ketten“ seines bodenständigen Berufsstands ab und konzentriert sich voll auf sein Kerngeschäft. Woche für Woche bringt er so seine Kunden auf den guten Albgeschmack auf Märkten in der Region und via Internet. Sein Online-Portal bietet neben der klassischen Einzelproduktbestellung zusätzlich drei Abo-Kategorien: Gemüse, Käse und Obst. In der Rubrik Gemüse beispielsweise kann der Kunde zwischen 16 Paketen wählen: Schonkost, Regionalsortiment, Bürosnack, Rohkostsortiment, alles portioniert für verschiedene Haushaltsgrößen. Beispiel Dezember: Zwölf Euro kostete das Rohkost-Kistle (0,6 kg Karotten, 0,5 kg Fenchel, 0,5 kg Paprika rot, eine Staudensellerie, eine Endivie, 0,1kg Champignons und Egerlinge). Je nach Jahreszeit variiert der Inhalt. Der Kunde wählt, ob das Abo-Kistle wöchentlich, alle zwei Wochen oder monatlich kommen soll. Liefergebühren ab 20 Euro Bestellwert sind inbegriffen. Kleinere Bestellungen kosten 1,80 Euro.

Dafür erhält der Kunde gesündeste Bioland-Produkte je nach Zusammenstellung zwischen 30 bis 50 Prozent von Weissens Äckern auf der schönen Schwäbischen Alb. Was hier wegen des rauen Klimas nicht gedeiht, wird von Biolandbauern aus der Region zugekauft. Das schlagkräftigste Argument für den Erfolg dieses Konzepts sei die Frische, erläutert Weiss. Warum? 150 Salatköpfe beispielsweise meldet der Gemüse-Abo-Bestelleingang heute. 150 Salatköpfe schneidet Weiss auf seinem Feld noch am Abend. Und 150 Salatköpfe gehen am nächsten Tag raus – Punktlandung: Kein Abfall, keine alte Ware und zufriedene Kunden. Der normale Lebensmittelhandel muss die Nachfrage schätzen, Weiss kennt den Tagesbedarf aufs Komma genau.

Der Dapfener liebt vergessene Gemüsesorten. So baute er die heimische Rauke an, lange bevor sie als italienischer Rucola eine Renaissance erlebte. Wilden Knob­lauch verkaufte er, bevor er als Bärlauch die Kochtöpfe der TV-Küchen eroberte. Jeder kennt die Gelbe Rübe, die Rote Rübe und die Rote Beete – aber wie schmeckt die Gelbe Beete? Seine Liebe zu den Produkten der Region machen ihn zum ungekrönten Botschafter der Alb.

Seit 2011 bildet ein neues Büro- und Verkaufsgebäude samt Produktions- und Kühlräumen an der Hauptstraße den Betriebsmittelpunkt. „Einen Kaufladen gibt´s in Dapfen schon lange nicht mehr, weshalb neben Ausflüglern gerne auch Einheimische zu uns kommen“, freut sich Weiss über die Kundenfrequenz.

Qualität setzt sich eben durch – wenn dieser hohe Anspruch nicht alleine dem Profit geschuldet ist. Glühende Leidenschaft lässt sich nicht kopieren, eine emotionslose Geschäftsidee schon. Weiss kennt seine Pappenheimer nur zu gut, die mehr missgünstig als nur neugierig seine Gemüsestände scannten, als er 2011 seinen jüngsten Coup landete: Seine Gewürzmischungen, Salze und Essige (siehe Foto) unter dem Label „Albfeinkost“ wollen selbst Händler in Berlin in ihrem Laden haben. Weiss trifft den Geschmacksnerv vieler Kunden. Weiss steht im Rampenlicht. Dies weckt Begehrlichkeiten: Wie sehen die Verpackungen aus, welches Marketing-Konzept steckt dahinter? So wie im Bereich von journalistischen Magazin-Produkten gerne unverhohlen gekupfert wird, gibt es auch in der Lebensmittelbranche auf der Alb den schnöden Ideenklau. Doch Weiss steht darüber. Denn wer kann schon mit einem Geschäftsmann mithalten, dessen Beruf eigentlich sein Hobby ist?

Printausgabe: Sphäre 1/2013, Seite 42

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