Eiskalt erwischt

Tradition & Handwerk: Kältepol im Rinnental liefert zuverlässig Temperaturrekorde

13. Januar 1987 – der Live-Ticker im Wetterbericht des ARD-Fernsehens hievt die
Alb­ge­meinde Engstingen urplötzlich ins Rampenlicht: minus 32 Grad, Kälterekord.

Kalt, kälter am kältesten: Auf der Suche nach dem Temperatur-Superlativ stapft Klimatologe Roland Hummel über fremde Wiesen, untersucht kühle Wäl­der und Täler der Kuppenalb rund um Engstingen und Sonnenbühl, legt im Umkreis von 10 Kilometern Thermometer aus. Morgens nach dem Nachtdienst in der Flugwetterwarte Stuttgart sammelt er die Thermometer ein, notiert, vergleicht. 1998, am Ende dieser 12-monatigen Versuchsreihe steht im Großen Rinnental eine neue Klimasta­tion – seine Klimastation (Foto oben).

Dass Sonnenbühl seither eine berühmte Wetterhütte besitzt, ist nicht alleine Hummels Verdienst. „Ein Kälte-Freak aus Essen war der Anlass nach rekordverdächtig eisigen Stellen zu suchen“, erinnert sich der Klimatologe und grinst. Der 1987 nur zufällig ins TV-Programm gerutschte Rekordwert von minus 32 Grad aus Hummels Messungen an seinem Wohnort Großengstingen, brachte die Kältewelle ins Rollen. Was war passiert? „Als damals das Thermometer am Flughafen Stuttgart auf minus 25 Grad fiel, rief der SWR dort an. Der Reporter schnappte meine beiläufige Bemerkung zu einem Kollegen auf, dass ich zu Hause minus 32 Grad gemessen hatte. Schnell war die Temperatursensation formuliert, auch wenn der Wert keinen offiziellen Status besaß“, erinnert sich der Wettermann an den TV-Paukenschlag, der jenen Rekord-Jäger aus Essen wach rüttelte: „Zwei Tage später klingelte mein Telefon. Er vermutete hinter meinen Messdaten Deutschlands neuen Kältepol und schlug vor, ich solle mei­ne Umgebung nach noch kälteren Bedingungen absuchen.“ Hummel wurde fündig und der Essener behielt recht: Sonnenbühl, Rinnental. Dort fiel das Thermometer noch weiter ab – mit ihm allerdings auch das Stimmungs­barometer der Albgemeinde. Denn Sonnenbühl gleich Sonne, gleich sonnenverwöhnter Hotspot, der mit wohli­ger Wärme punkten will, aber nicht mit einem frostigen Kältepol.

30 Jahre sind seither vergangen, Hummels Klimastation inzwischen akzeptiert und viel besucht. Denn der selbständige Unternehmer, der als Wetterring 2000+ firmiert, kehrt mit seinen Daten gleichzeitig das sonnige Gemüt der 775 Meter hoch gelegenen Gemeinde zweifelsfrei hervor: Die Sonnenbühler nämlich freuen sich über die meisten Sonnenstunden in ganz Baden-Württemberg, weswegen die Temperaturen schnell in die Höhe klettern. Im idyllischen Rinnental jedoch – und das macht den Ort so besonders und berühmt – sacken sie selbst im Sommer genauso schnell wieder ab, bis auf minus fünf Grad.Wie ist das möglich? „Bei wolkenlosem Himmel gibt es sogenannte Strahlungsnächte, in denen die Luft ihre Wärme ungehin­dert abgeben kann“, erklärt der 63-jährige Wetterexperte. Die Topographie des Trocken­tals verstärkt dieses Naturphänomen: In Strahlungsnächten sinkt die schwere, kalte Luft zu Boden, sammelt sich in Senken zu Kälteseen, die nicht abfließen können. Minus 33,7 Grad im Dezember 2014 markiert den Rekordwert seiner Station. „Weil die Ab- als auch Einstrahlung hoch ist, kann man hier deutschlandweit die größten Tem­peratur­unterschiede messen”, erklärt der Klimatologe die extremen Tagesschwankungen von bis zu 30 Grad. Dieses Phänomen thematisiert seit 2006 der Sonnenbühler Klimaweg. Auf neun Kilometern bringen Schautafeln Geologie, Naturraum sowie Wetter und Klima in Zusammenhang.

Mittlerweile schöpft Hummel aus einem gigan­tischen Datenfundus. Nicht nur die Werte aus seiner eige­nen 30-jährigen Messreihe im Rinnental stehen in seinem Archiv, sondern auch die Aufzeichnungen der vergleichbaren Station in Münsingen nochmals 30 Jahre zuvor. Wetterdaten professionell und systematisch zu erfassen, begann man 1781 in Bayern. Seit 1881 berechnen Statistiker für Deutschland monatliche Temperaturmittelwerte. „Die Klimaerwärmung ist unbestritten“, betont Hummel die Faktenlage. „Früher hatten wir ein eher kontinentales Klima, das häufiger von kalten Ostwinden geprägt war. Heute bekommen wir durch mehr Westluft verstärkt die atlantische Wetterküche zu spüren: Feuchte, warme Luft, die im Sommer mehr Gewitter produziert.“ Noch vor 80 Jahren habe es von zehn Alb-Wintern acht „gute“, also kalte und zwei „schlechte“, wärmere gegeben. Heute sei es genau anders rum. Das bestätigen auch die Bodenmessungen (Foto): „Heute geht der Frost selten bis 30 Zentime­ter tief, früher waren’s bei wenig Schnee gelegentlich 60 bis 80.“

Doch reicht der Blick des Klimatologen übers Rinnen­tal hinaus. Bei Recherchen im Archiv des Schwäbischen Albvereins in Stuttgart entdeckte er folgende Aufzeichnun­gen von der Mittleren Alb: „1910, die Alpen 90 Mal gesehen. 1940, nur an 30 Tagen.“ Und heute? Die Berg­kette grüßt gerade mal an 10 Tagen zur Alb herüber. Der Dreck in der Luft sei schuld, ärgert sich Hummel und fordert ein gesundes Klima – Greta Thunberg lässt grüßen. „Die Zeit ist reif für Veränderun­gen, die Politiker und wir alle sollten begriffen haben“, hofft der Wettermann optimistisch.


 

Aus Not wird Tugend: Noch vor Jahren sorgte es für Missstimmung, dass die sonnigste Region für Kälte­rekord­werte herhalten musste. Doch die TV-Popularität verlieh Sonnenbühl einen wenn auch frostigen Glanz. Heute führt Klimatologe Roland Hummel zur Wetterstation und über den Klimaweg, der das Naturphänomen am Kältepol im Rinnental anschaulich erklärt.

 

Gefrorene Pfützen im Sommer: An sonnigen Tagen heizen sich die trockenen Böden des Karstgebirges in Mulden besonders stark auf. Der steppenartige, verdunstungsarme Magerrasen vermag kaum zu kühlen. Deshalb kann die Strahlungswärme des Rinnentals ganz schön schweißtreibend sein. Im Winter dagegen, falls wolkenlos und windstill, kühlt diese Tallage besonders stark ab. Die Kälte fließt über die Hänge ins Tal und sammelt sich in den sogenannten Strahlungsnächten zu einem Kaltluftsee.


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