Ortsportrait Donnstetten – 1250 Jahre Albgeschichte

Das Dach der Alb

Seit 1250 Jahren ist die Existenz Donnstettens verbrieft. Doch zwischen heute und gestern liegen nicht Jahre, sondern Welten.

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Langsam kratzt der Gänsekiel über das Pergament. Aus dem hohlen Schaft der Feder fließt dicke Tinte: „776.“ Dies ist das Jahr, in dem ein Geistlicher des südhessischen Klosters Lorsch für die Nachwelt die Existenz des Albdörfleins Donnstetten auf ewig verbriefte – vor 1250 Jahren unter dem Namen „Tunnesstate“ bekannt.
1250 Jahre? Wie haben die Donnstetter einst gelebt, wenn schon die nur 200 Jahre alten zeitgenössischen Berichte das Albdörflein beschreiben, als läge es auf einem anderen Stern? Oberamtsschreiber Johann von Memminger porträtierte 1831 diesen Ort, Zitat*: „In keinem Alp­orte war die Noth in beiden Jahren 1816 und 17 so groß.“ Denn ein Jahr zuvor schoss gewaltig heiße Asche des Vulkans Tambora in Indonesien in die Stratosphäre und verdunkelte mithin auch Europa. Folge: Extreme Kälte und Hagel über mehrere Jahre verringerten die Ernteerträge und die frühen Wintereinbrüche auf der Alb begruben den kargen Rest bisweilen unter Schnee. Damals hätten Einwohner sich zu den unnatürlichsten Nahrungen geflüchtet, schrieb Memminger.
Doch die Donnstetter trotzten mit Fleiß und Sparsamkeit diesem kargen Gebirge dennoch ein Stück bescheidenes Leben ab. Auch wenn es auf der „rauhen Alp“, wie es Zeitzeuge Memminger formulierte, kaum Obstbäume gäbe, dafür aber frostige Morgenkälte selbst im Sommer – dann führen die Bauern eben geduldig ihre Ernte zwei bis drei Wochen später ein als im Tal.
Angesichts der Dramatik wirkt die Fotografie 100 Jahre später von Donnstettens Ortsmitte vergleichsweise idyllisch (Foto unten). Hüle, Postkutsche, Brunnen. In diesem anheimelnden Ortsbild verharrten Albdörfer weitere 50 Jahre. Drinnen hinter den Haustüren und draußen auf den Feldern aber erstrahlte langsam, ganz langsam auch hier oben etwas Glanz des allgemein aufkeimenden Wohlstands.

Donnstetter Hüle 1910: Noch diente die Hüle als Tränke fürs Vieh. Sauberes Quellwasser kam noch per Ochsenkarren vom Tal herauf. (Foto: Metz-Verlag Tübingen, CC0)

Mit der Mechanisierung der Landwirtschaft im 19. Jahrhundert und der Einführung des Stickstoffdüngers besserte sich im Dorf die Lage wie überhaupt auf der gesamten Schwäbischen Alb. Der Ertrag auf den Feldern stieg, Maschinen erleichterten die Arbeit. So hatten die Bauern von Weide- auf Stallhaltung umgestellt, sie mähten die Wiesen und trockneten das Gras zu Heu, um es für den Winter einzulagern. Die typischen Wohnhäuser mit Bruchsteinfundament und Fachwerk bis unters Dach wuchsen um Stall und Scheune. Gesteigerte Milch- und Fleischproduktion verbesserten das Einkommen und die Ernährungssituation.
1915 knipsten die ersten Donnstetter elektrisches Licht in ihrer Wohnstube an. 1921 drehten sie den Wasserhahn auf. Das auf der trockenen Alb wertvollste Lebensmittel wird fortan aus dem Ermstal heraufgepumpt. Auch griff die Industrialisierung nach den einsamen Albhöhen. Es gab sogar Pläne, Donnstetten an zwei Eisenbahnlinien anzuschließen: Die von Amstetten nach Laichingen war im Gespräch, ebenso die von Kirchheim nach Lenningen.
Und heute? Keine Schiene weit und breit, dafür aber zwei Bundeshauptverkehrsachsen: Die B28 und die B465. Auf diesen Routen sehnen sich heute wie ges­tern die Städter an Wochen­enden zur Idylle der Donnstetter Alb herauf. Dieses Verlangen nach frischer Albluft befeuerten damals nicht nur die schwarzen Schwaden aus Schornsteinen kohlebetriebener Dampfmaschinen, sondern es ebnete 1888 auch die Gründung des Schwäbischen Albvereins, des ältesten Wanderclubs Deutschlands, die Pfade ins Gebirge nach Donnstetten als hochgelegene Endstation. Dieses Gipfelglück machte die begehbare Aussichts­platt­form eines ausgedienten Vermessungsgerüsts ab 1899 greifbar – der heutige Römersteinturm.
Ebenso feierte der Wintersport an diesem idyllischen Flecken seine Premiere: Der Startschuss des ersten Skiwettkampfs hallte 1906 über Donnstettens tief verschneite Hänge. Heute noch rattern vier Bügelskilifte quasi als Hommage an die heute heitere Freude mit dem in alten Zeiten oft verfluchten Schnee.
Am 2. August 2026 nun feierte die Gemeinde stolz ihre 1250-jährige Geschichte. Doch ist sie noch älter. Südöstlich des Ortes konnte ein römisches Kastell dokumentiert werden, namens Clarenna. Der östliche Teil des Alblimes von Donnstetten bis Heidenheim markierte bis 122 neuer Zeitrechnung die Außengrenze des römischen Reichs. Auch entdeckte man Spuren eines römisches Badhauses und einen römischen Brunnen nahe der St. Georgskirche.

St. Georgskirche, 15. Jahrhundert: 1595 zählte der Gemeinde­pfarrer 379 Einwohner, 1831 notierte der Oberamtsschreiber Memminger 668 Personen. Laut Zählung 2024 leben, wirtschaften und genießen heute 1072 Donnstetter ihr Dorf. Ein Römerbrunnen (nicht im Bild) bezeugt die Siedlung schon im ersten Jahrhundert.

Nach den Römern siedelten die Alemannen im Donnstetter Maarkessel. Wasser war auf der Alb schon immer rar. Regen verschwand viel zu schnell in Klüften des Karstgesteins. Der Basalt alter Vulkankrater jedoch hält es in sogenannten Hülen zurück.

Nun schließt sich der Kreis dieser heil- und leidvollen Geschichte abermals in einem schriftlichen Dokument: dem Heimatbuch Donnstetten 2026. Zwar ist es nicht mit Tinte und Gänsefeder verfasst, doch gedruckt auf geduldigem Papier. Wer weiß, vielleicht nimmt es die Nachwelt zur Hand – womöglich in 1250 Jahren?

Donnstetter Hüle 2026: Viele Ortschaften schütteten Hülen zu. Donnstetten reaktivierte seinen ursprünglichen Lebensmittelpunkt.


Neues Heimatbuch 2026:
Donnstettens Geschichte auf 200 Seiten, ab Dezember 2026 in allen Römersteiner Rat­häusern erhältlich.


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Printausgabe: Sphäre 3/2026, Seite 38-39


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