Railroad-Trail

NaturBIKEporträt: Ciclovia Tirrenica – Italiens Traumroute entlang der ligurischen Küste

700 Kilometer, 100 Kilometer oder als Kostprobe erst einmal 24 Kilometer antesten – Italiens ambitioniertes Radwegprojekt zwischen Sonne und Meer entlang der tyrrhenischen Küste will deutsche Aktivurlauber in den Süden locken. Sphäre war vor Ort und durfte erleben, dass dort im Herbst und sogar im Winter nicht nur die Sonne brennt, sondern besonders viele Radlerwaden. Die Stippvisite auf dem bereits fertig gebauten, perfekten 24-Kilometer-Abschnitt zwischen San Remo und Imperia zeigt: Touristen gibt es in der Nebensaison erfreulich wenige, dafür aber spazieren, rennen und radeln viele Einheimische mit Freude und Wonne.

Radweg „Ciclovia Tirrenica“ entlang der ligurischen Küste.


 

Railroad-Trail

700 Kilometer, 100 Kilometer oder als Kostprobe erst einmal 24 Kilometer antesten – Italiens ambitioniertes Radwegprojekt zwischen Sonne und Meer entlang der tyrrhenischen Küste will deutsche Aktivurlauber in den Süden locken. Sphäre war vor Ort und durfte erleben, dass dort im Herbst und sogar im Winter nicht nur die Sonne brennt, sondern besonders viele Radlerwaden. Die Stippvisite auf dem bereits fertig gebauten, perfekten 24-Kilometer-Abschnitt zwischen San Remo und Imperia zeigt: Touristen gibt es in der Nebensaison erfreulich wenige, dafür aber spazieren, rennen und radeln viele Einheimische mit Freude und Wonne.

Ein krasser Tapetenwechsel intensiviert das Urlaubserlebnis. Heimatliche Landschaften verblassen angesichts der lieblichen Pastelltöne ferner Vegetationen, ausgebleicht von der hohen Sonne, angehimmelt vom schillernden Meeresblau. Neid schleicht sich an in den hitzigen Altstadtgassen, kühl beschattet von anheimelnder südländischer Architektur. Das Leben dort scheint unbeschwert. Zwischen Espresso und Boccia-Kugeln schwingt das Glück der Südeuropäer federleicht als Kontrast zum streng getakteten Alltag daheim, gehetzt von Erfolg und Konsum.
Doch muss es immer das anstrengungsfreie Sorglos-Sommer-Sonne-Paket sein, um der Heimat zu entfliehen?
Nein! Denn wer sich im Urlaub nicht träge ins Meer plumpsen lässt, sondern in frischen Fluten sportlicher Vollbeschäftigung badet, erlebt hundertmal mehr Erholung als jeder Kämpfer um den besten Handtuchplatz.

Badeparadies im Sommer, im Herbst und Winter ein Fenster ins echte Italien.

Seit Corona hat sich neben Spazieren und Wandern bei den Deutschen auch das Radeln etabliert. Diesen Trend zur neuen Freiheit auf zwei Rädern haben Italiens Touristiker bereits 2016 erkannt. Sie bauen Radwege, die meisten entlang ihrer Wasserwege – so auch den „Ciclovia Tirrenica“. Das Ziel: Italien will die Biker des hohen Nordens über die Alpen in den Süden locken. Denn: Baden kann man nur im Sommer, ausgiebig radeln aber zu jeder Jahreszeit – sogar zu Weihnachten.
Vom Winter in den (gefühlten) Sommer, von der Kälte der Januar-Alb hinunter ans Meer – dieses antizyklische Reiseverhalten beschert Tapetenwechsel pur.
Das Erste, was bei der Ankunft ins Herz und Auge springt, sind leere Strände (was im Winter nicht wundert) und ein wirkliches Italien, ein echtes, ganz ohne Touristen, ganz ohne „hier spricht man Deutsch“. Es wird nicht mehr Schnitzel und Bier bestellt, sondern Pesto alla genovese oder Meeresfrüchte serviert. Dazu passend funkelt ein fruchtiger Cinque Terre Weißwein früh am Abend im Laternenlicht. Im Winter schleicht die Sonne schon um 17 Uhr hinter den Meereshorizont, musikalisch begleitet vom Konzert der Stille dieser erholsamen „Nebensaison“.

Flusssteine –  San Remo gestaltet mit viel Liebe zum natürlichen Detail.

Das Zweite, was auffällt: Zuhause minus 7 Grad Celsius, hier mollige 8 bis 13 Grad. Mehr Temperaturunterschied schafft selbst der hitzigste Sommer nicht.
Das dritte Aha-Erlebnis aber macht Italien zu dieser Jahreszeit so richtig sympathisch: Bislang klischeehaft als immerfort hupende Autonation bekannt, offenbaren hier die Einheimischen ihre wahre Liebe: den Sport. Auf ihrem „Ciclovia Tirrenica“ rennradelt es, joggt es, wandert, spaziert und lacht ein Land, an dessen Lebensart man sich auch auf der frostigen Winter-Alb mit holzofenwarmer Pizza, Pasta und Espresso alla Luigi oder Guiseppe das Herz südländisch erwärmt.
Genussgewohnheiten kann man importieren und kopieren, nicht aber die Bilderbuch-Architektur von Orten wie Finale Ligure oder des an den Hang geklebten alten San Remo.

San Remo – hinter dem historischen Stadtteil „Pigna” türmen sich Hochhäuser der 70er Jahre.

In diesem historischen Viertel „Pigna“ türmen sich übereinander gebaute Häuser, klettern steile Fußwege, verzweigen überdeckte Gänge und kuscheln kleine Plätze den Hügel empor, einst als Schutzwall gegen Piraten. Im Januar halten die schwer zu erklimmenden Gassen ihren Winterschlaf – für sie der krasse Tapetenwechsel zum lautstarken Touristentrubel im Sommer.

Porto Maurizio: Die mittelalterliche Altstadt Borgo Parasio an der Radroute ist auch sommers nicht von Touristen überrannt.

Kühle Enge schützt vor Hitze und einst vor Piraten, ebenso wie der luftige Fernblick  vom Heiligtum Madonna della Costa hinab aufs Meer.

 


 

Übersichtskarte

 

 

Ciclovia Tirrenica: Gut Ding braucht Weile

Radfahrer, Jogger und Spaziergänger je auf eigener Spur.

Radlernation denkt rosa.

Der „Ciclovia Tirrenica“ ist Teil des nationalen Systems touristisch hochwertiger Radwege. Im Jahr 2016 hat Italiens Ministerium für Infrastruktur und Verkehr dieses Projekt aus der Taufe gehoben. Es will maximales Erlebnis für Radler jeden Alters ermöglichen auf weitestgehend autofreien, asphaltierten Trassen. Doch die Mühlen mahlen langsam, die gesamte 741 Kilometer lange Strecke von Ventimiglia an der französischen Grenze bis nach Latina nahe Rom ist noch lückenhaft ausgebaut, Fernradelnde müssen bisweilen improvisieren und über Autostraßen ausweichen. Dieser hier vorgestellte 24-Kilometer-Abschnitt über eine alte Bahntrasse entlang der Küste von San-Remo nach Imperia macht Lust, die ganze Strecke unter die Räder zu nehmen. www.bicitalia.org/yourls/tirrenica Unter dieser Internetadresse kann man online die ganze Strecke ansehen, recherchieren, wo noch gebaut wird, welche Abschnitte fertiggestellt sind und aktuelle Routingdaten herunterladen.
Der Bau des Tyrrhenischen Radwegs wurde 2019 mit 300 Millionen Euro beziffert. Zwischen Ventimiglia und Latina, südlich von Rom, liegen 741 traumhafte Strand- und Küstenkilometer.

 


 

Finale Ligure: Rad-Mekka für Geländesportler

Weihnachtslichter in Finalborgos ummauerter Altstadt.

Auf der „Ciclovia Tirrenica“ tummeln sich Rennradfahrer und E-Bike-Touristen. Auf den bis zu 1000 Meter hohen Steilhängen oberhalb Finale Ligure aber sind die Mountain-Biker zu Hause. In Scharen kurbeln sie im Frühjahr und Herbst hinauf, um wie Skifahrer spezielle Abfahrtspisten schwungvoll zu genießen. Wer weniger Kondition für dieses Bike-Abenteuer mitbringt, lässt sich per Shuttle-Service in Autobussen nach oben chauffieren. Im Winter allerdings gehört dieses Städtchen den Einheimischen und den Italiengenießern allein, samt seiner winterlichen Ruhe.

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Podcast SPHÄRE-Audio GPS-Download: San Remo – Imperia, 23 Kilometer

Podcast SPHÄRE-Audio GPS-Download: Menton – Finale Ligure, 100 Kilometer

Podcast SPHÄRE-Audio GPS-Download: Menton – Rom, 719 Kilometer


Printausgabe: Sphäre 3/2026, Seite 30-33

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